Für jeden Mann stellt die Beschäftigung mit dem Thema Vater eine besondere Herausforderung dar. Es gibt Zeiten im Leben eines Jungen, da ist der Vater der Größte, Tollste, Stärkste, das Idol seiner Kindheit. Primäres Identifikationsobjekt oder Ich-Ideal nennen Psychologen diese hoffnungslose Überschätzung eines Vaters durch seinen Sohn. Und so überhöht und nahezu unangreifbar dieser Vater der Kindheit ist, so radikal wird er in den Stürmen der Jugend vom Sockel gestoßen, und dabei nicht nur auf seine wirkliche Größe reduziert, sondern meist kleiner gemacht oder gar genußvoll erniedrigt. Jungen brauchen das anscheinend wirklich, um zu einem Mann zu werden, der Größenwahn scheint ein notwendiges, entwicklungspsychologisches Durchgangsstadium und es gibt nicht wenige Menschen, insbesondere Frauen, die meinen, daß sie solche Größenphantasien manchmal nie mehr ablegen. Bloß nie so werden wie der Alte, heißt das Motto der jugendlichen Reifung; Abgrenzung und Negativ-Identifikation bestimmen das Programm. Wenn dieser Jugendliche dann später selbst zum Vater wird, schlagen einige Stunden der Wahrheit für ihn, besonders wenn er Söhne bekommt. Ich selbst habe zwei ältere Töchter und zwei jüngere Söhne. Es war eine gar nicht so unangenehme Erfahrung zu erleben, wie die Töchter in der Pubertät meine männlich-väterliche Nähe brauchten und im Flirten eine Bestätigung ihrer jugendlichen Schönheit suchten. Für mich waren diese Krisen bei den Töchtern meistens angenehm - zumindest in der Erinnerung - während ich meine Frau oft bemitleidet habe, weil sie mitten in den weiblichen Herrschafts- und Rivalitätskämpfen mit den Töchtern dafür sorgen mußte, daß sie nicht unterging und zumindest noch einen Teil ihrer Kleidung behalten konnte. Nun beginnt meine Frau langsam, für mich Mitleid zu empfinden. Sobald die Jungs auf Augenhöhe sind, sie mich in der Schuhgröße überholt haben und sie meinen Geschmack grundsätzlich schrecklich finden, bekommt der Identifikationskonflikt eine neue Dimension. Dann versucht der hilflose Vater oftmals, durch einen Schwank aus seiner Kindheit die Situation aufzulockern und damit den Jungs den Hinweis zu geben, daß vieles von dem, was sie heute kritisieren oder als selbstverständlich empfinden, in meiner Kindheit und Jugend noch ganz anders waren. Neulich sagte mir mein Sohn Robin, als ich ihm wieder so eine pädagogisch gemeinte Anekdote aus meiner Kindheit erzählte: „Papa, das interessiert mich doch nicht, wie es im Mittelalter war.“
Von den vielfältigen Variationen und Aspekten des schillernden Vater-Themas möchte ich drei vorstellen:
Ein Vater ist nach der landläufigen Definition ein Mann, der für seine Kinder sorgt. Heute müssen es nicht mehr unbedingt seine leiblichen sein, also kann man sagen, daß ein Vater ein Mann ist, der für Kinder sorgt. Diese durchaus richtige Definition birgt psychologisch gesehen allerdings eine wesentliche Gefahr. Sie unterstellt, daß sich Väterlichkeit bzw. die Güte eines Vaters auch an seiner Sorge messen lassen muß. Das ist logisch, aber nicht psychologisch. Wenn daraus abgeleitet wird, daß die meßbare, sichtbare Sorge des Vaters für die Kinder zum Maßstab für seine Väterlichkeit gemacht wird, dann ist das im psychologischen Sinne falsch. Die Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung ergibt sich nicht aus einer Quantität, nicht aus zählbaren Stunden, sondern nur aus einer Qualität der Beziehung und diese bemißt sich nicht nach Stunden, sondern nach der inneren Bedeutung, die ein Vater im Leben seines Kindes, in seiner Persönlichkeit und seinen Gefühlen einnimmt.
Jeder kann das für sich selbst überprüfen. Es gibt viele Menschen im eigenen Leben, die eine besondere Bedeutung erlangt haben, ohne daß wir viel Zeit mit ihnen verbracht haben. Wichtig sind die Qualitäten der Beziehung, die in der Beziehung inhärenten Gefühle und Identifikationen. Das Wichtige im psychologischen Sinne ist nicht die sichtbare und meßbare, quantitative Anwesenheit einer Person. Das Wichtige ist unsichtbar und qualitativ. Die Qualität eines Menschen für einen anderen erschließt sich nur über dessen innere Bedeutungsmuster, seine emotionale und personale Wertigkeit. So können sogar abwesende und aus weiblicher Sicht wenig sorgende Väter für die Kinder eine immense Bedeutung erlangen.
Dies betrifft nicht erst die Väter von Kindern ab dem Schulalter. Die althergebrachte Meinung, Väter würden erst durch den sogenannten ödipalen Konflikt psychologisch bedeutsam, ist eindeutig veraltet. Väter helfen weit vor dem sogenannten ödipalen Konflikt dem Kind aus der engen Abhängigkeitsbeziehung mit der Mutter heraus, sind sozusagen Geburtshelfer bei der Ablösung aus der frühkindlichen Symbiose. Diese Theorie der Triangulation hat die Bedeutung des Vaters für die frühkindliche Entwicklung hervorgehoben, die bislang ausschließlich der Mutter überlassen war, sie hat die Mutter aus der Alleinverantwortung auch für alle negativen Entwicklungsprozesse beim Kind befreit und den Vater von seiner reinen Statistenrolle entbunden.
Väterliche Sorge muß wesentlich aus der Perspektive des Kindes gedacht werden. Kinder brauchen Sorge und Liebe. Beide Dimensionen haben ihren Ausgangspunkt im Kind bzw. in den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen. Nur wenn wir vom Kind aus denken, sind die Sorge und die Liebe richtig verstanden. Bei allen schweren Familienproblemen und -pathologien handelt es sich um eine gestörte Sorge und Liebe, die nicht das Kind zum Ausgangspunkt nimmt. Beispiele hierzu sind: Kinder psychotischer Eltern oder auch mißhandelte oder sexuell mißbrauchte Kinder. Immer fehlt diesen Vätern die Perspektive des Kindes, sie denken und handeln nicht aus der Sicht des Kindes, sondern aus eigenem Interesse.
Wassilios Fthenakis, Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, hat den Forschungsstand „Zur Psychologie der Vater-Kind-Beziehung“ in seinem zweibändigen Werk „Väter“ (München 1985) umfangreich dokumentiert und aufgearbeitet. Nachdem er ausführlich die Rolle des Vaters während der Schwangerschaft und der Geburt, die Beteiligung des Vaters an der Kleinkindpflege, die Entwicklung der Vater-Kind-Bindung, den Einfluß des Vaters auf die kognitive Entwicklung, die Internalisation moralischer Standards, sowie auf die Entwicklung geschlechtsrollenspezifischen Verhaltens, und die Auswirkungen der Vaterabwesenheit auf die Entwicklung des Kindes untersucht hat kommt er zu folgendem, zusammenfassendem Ergebnis: Generell waren vaterlose Kinder und Jugendliche häufiger als Vergleichspersonen in ihrer psychosozialen Entwicklung beeinträchtigt, sie waren psychisch labiler, ängstlicher und hatten geringeres Vertrauen zu sich selbst und zu anderen, was letztlich häufiger in Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen resultierte. Interessant ist insbesondere der Zusammenhang zwischen der Schwere der Störung und der Dauer der Vaterabwesenheit.“ ( 372) Auch wenn sie mehr als 10 Jahre alt sind, halte ich die Ergebnisse dieser umfangreichen Arbeiten heute noch für diskussionswürdig und bedeutsam.
Ich möchte an dieser Stelle aber keine Forschungsergebnisse referieren, sondern Sie eher mit literarischen Beispielen zur Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung erfreuen. Diese Beispiele sind auch allgemein zugänglich, für alle nachlesbar und viel schöner beschrieben, als die Ergebnisse empirischer Untersuchungen. Außerdem enthalten sie eine andere, besondere Form von Wahrheit jenseits der Empirie. In den literarischen Beispielen handelt es sich um drei verschiedene Väter: einen Vater, der bereits tot ist und dennoch für seinen Sohn eine immense Bedeutung erlangt, zweitens einen Vater, der erst spät entdeckt wird, als der Junge schon 10 Jahre alt ist, und der für die späteren Reifungsentwicklungen in vor allem negativer Hinsicht bedeutsam ist und drittens einen Vater, der aus heutiger sozialpädagogischer Sicht seine Kinder schlicht vernachlässigte. Drei Väter aus der Sicht von drei Söhnen in drei Büchern der letzten Jahre. Da ich als Sohn eines Vaters und Vater von Söhnen schreibe, sei mir gestattet, daß sich die drei Beispiele auf Väter und Söhne beziehen.
Das erste Beispiel betrifft Albert Camus, diesen Sohn algerischer Einwanderer, der 1960 für sein Werk den Literaturnobelpreis erhielt. Albert Camus hat in seinem letzten Roman „Der erste Mensch“ seinem Vater nachgeforscht, den er nie kennengelernt hat. Als Camus 1960 seinen tödlichen Autounfall hatte, fand man das Manuskript im Wagen, seine Witwe hat es post mortem veröffentlicht. Es sollte sein großer Lebensroman werden, sein Werk der „Reife“, wie er es bei der Nobelpreisverleihung 1960 angekündigt hatte. Erst 1994, also 34 Jahre später, erschien der autobiografische Roman in Frankreich, in dem der Protagonist Jacques erkennt, daß das Geheimnis des Lebens, dem er in Büchern und unter Menschen auf die Spur zu kommen hoffte, vielleicht eher in dem Schicksal seines begrabenen Vaters liegt. Die Begegnung des erwachsenen, 40jährigen Camus mit seinem verstorbenen Vater an dessen Grab wird zu einem besonderen Ereignis in seinem Leben. Sein Vater war bereits mit 29 Jahren im 1. Weltkrieg gestorben, aber seine Bedeutung wurde ihm erst wirklich klar, als er an seinem Grab stand:
„Um ihn herum auf dem weitläufigen Totenacker herrschte Stille. Nur von der Stadt her drang ein dumpfes Tosen über die hohen Mauern. Manchmal ging eine schwarze Gestalt zwischen den fernen Gräbern entlang. Den Blick auf das langsame Dahinsegeln der Wolken am Himmel gerichtet, versuchte Jacques Cormery unter dem Geruch der feuchten Blumen das Salzaroma zu wittern, das gerade vom fernen, unbewegten Meer her kam, als ihn das Klirren eines Eimers gegen den Marmor eines Grabes aus seiner Versunkenheit riß. In dem Augenblick las er auf dem Grab das Geburtsjahr seines Vaters, und er merkte, daß er es nicht kannte. Dann las er beide Jahreszahlen „1885-1914“ , und rechnete mechanisch: neunundzwanzig Jahre. Plötzlich überfiel ihn ein Gedanke, der ihn bis ins Mark erschütterte. Er war vierzig Jahre alt. Der unter dieser Steinplatte begrabene Mann, der sein Vater gewesen war, war jünger als er. Und die Welle von Zärtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz überflutete, war nicht die Gemütsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater überkommt, sondern das verstörte Mitgefühl, das ein erwachsener Mann für das ungerecht hingemordete Kind empfindet - etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos. Die Abfolge der Zeit selbst zerbrach rings um ihn, den bewegungslos zwischen den Gräbern Stehenden, die er nicht mehr wahrnahm, und die Jahre hörten auf, sich jenem großen Strom folgend anzuordnen, der seinem Ende entgegenfließt... Er sah wieder sein verrücktes, mutiges, feiges, hartnäckiges, immer wieder auf jenes Ziel, von dem er nichts wußte, gerichtetes Leben vor sich, und in Wirklichkeit war es die ganze Zeit über verlaufen, ohne daß er versucht hätte, sich vorzustellen, was für ein Mensch es gewesen sein mochte, der ihm eben dieses Leben geschenkt hatte, um alsbald fortzugehen, um auf einem unbekannten Boden jenseits der Meere zu sterben.“ (Albert Camus, Der erste Mensch, Hamburg 1995, 33-35)
Es ist die Erkenntnis, daß die eigene Identität keine Folge einer Stunde Null ist, sondern in einer historischen Kontinuität steht, die historischen Wurzeln eines Menschen entscheidend für dessen Lebensentwürfe und dessen Schicksal sind. Und auf der anderen Seite ist jeder ein neuer, unverwechselbarer Mensch, sozusagen jeweils der erste Mensch - daher auch der Titel - ,aber dieser erste Mensch kann man nur sein, wenn man sich zuvor mit seiner Geschichte auseinandergesetzt hat. Und dies bedeutet für Männer als Söhne von Vätern, sich mit ihren Vätern und deren Geschichte zu beschäftigen. Dies gilt für Männer und Väter allgemein, aber besonders für solche, die andere beraten wollen.
Ein anderes Beispiel aus einem ganz anderen philosophisch-literarischen Hintergrund und politischen Kulturkreis ist der autobiografische Roman von Mario Vargas Llosa. Vargas Llosa hat wohl einen der düstersten, bittersten, grausamsten und schönsten Romane der Weltliteratur geschrieben mit seinem Buch „Der Krieg am Ende der Welt“. In seiner Autobiografie „ Der Fisch im Wasser“ ( Frankfurt a.M. 1995), schreibt er von diesem wichtigsten Tag in seinem Leben, als er als zehnjähriger Junge erfuhr, daß sein leiblicher Vater doch lebt und nicht, wie seine Familie ihm immer sagte, tot ist. Unter der Überschrift „Jener Herr, der mein Vater war“ schreibt er, wie seine Mutter ihn eines Tages bei der Hand nahm und ihm seinen Vater vorstellte.
„Du weißt es natürlich schon“, sagte meine Mutter, ohne daß ihr die Stimme zitterte. „Nicht wahr ?“ - „Was denn ?“ - „Daß dein Papa nicht tot ist, nicht wahr ?“ - „Natürlich, natürlich.“ Aber ich wußte es nicht und ahnte es auch nicht im geringsten, in meiner Überraschung schien mir, als würde die Welt um mich herum stillstehen. Mein Vater lebendig ? Und wo war er die ganze Zeit gewesen, in der ich ihn für tot gehalten hatte ? Das war eine lange Geschichte, die sie mir alle sorgfältig verheimlicht hatten, meine Mutter, meine Großeltern, die Großtante Elvira - die Mamae` - und meine Onkeln und Tanten, die ganze umfangreiche Familie, mit der ich zunächst in Cochabamba, und dann, nachdem man den Großvater Pedro zum Präfekten der Stadt ernannt hatte - verheimlicht bis zu diesem Tag, dem wichtigsten von allen, die ich bislang erlebt hatte, und vielleicht von allen, die ich später erleben sollte.“
Sein Vater stellte sich als ein klassischer Macho, ein Autokrat, ein selbstherrlicher Despot heraus, aber dennoch sollte die heftige Auseinandersetzung mit diesem Mann zu einem der zentralen Lebenskonflikte für Mario Vargas Llosa werden. Ohne diesen düsteren Vater wäre er nie zu dem Mann geworden, der sich zum größten Literaten seines Heimatlandes Peru entwickeln sollte und der später einmal gegen Fujimori die Kandidatur um die Präsidentschaft verlieren sollte. Es war vor allem die innere Auseinandersetzung mit der Person und den Werten des oft abwesenden Vaters, die ihn seine Werte, seine Männlichkeit und nicht zuletzt auch seine andere Väterlichkeit finden ließen. Aber ich glaube, daß sein leiblicher Vater vor allem für die Negativ-Identifikation bedeutsam war, ihm zur Abgrenzung diente, ihm ein Vorbild eines Mannes war, wie er selbst nie einer werden wollte. Die Lösung, die Mario Vargas Llosa für sich fand, war eine, die häufig von Kindern gewählt wird, und die psychologisch interessant ist. Er suchte sich einen neuen Vater, eine neue Identifikationsfigur, ein neuen Idealobjekt aus und fand es in seinem geliebten Onkel Lucho, der zu seinem Mentor werden sollte. Die Beschreibung dieses Onkel Lucho gerät ihm zu einer wahren Liebeserklärung an diesen Mann:
„Wenn ich von den fünfundfünfzig Jahren, die ich gelebt habe, ein Jahr noch einmal leben könnte, würde ich das Jahr auswählen, das ich bei Onkel Lucho und Tante Olga verbrachte... Er war der älteste meiner Onkel und nach dem Großvater Pedro der Chef der Sippe Llosa, derjenige, an den sich alle wandten und dem ich, seit ich denken kann, insgeheim den Vorzug gegeben habe ... Die Familie war stolz auf Onkel Lucho ... Aber Onkel Lucho hatte nicht den Beruf erlernen können, in dem er mit seinem Talent, wie niemand zweifelte, alle erdenklichen Triumphe errungen hätte, weil sein gutes Aussehen und sein großer Erfolg bei den Frauen ihn ruinierten ... Meine Vorliebe für Onkel Lucho kam nicht nur daher, daß er mich liebevoll behandelte; sie hatte auch mit der Aura eines abenteuerlichen, sich ständig erneuernden Lebens zu tun, die ihn umgab...“ ( 232-233) Dieses abenteuerliche Leben eines Mannes, der einem seiner eigenen Romane entstiegen zu sein schien, der die wildesten Phasen in einem Leben mit massiven Brüchen erlebte, wurde für Mario Vargas Llosa zu seinem eigenen Leben und sein Onkel Lucho war dabei sein väterliches Vorbild. Psychologische Väter können also gänzlich andere als die leiblichen oder juristischen sein, es sind selbsternannte Väter, die das Zeug zum Vorbild haben. Aber der Weg dahin führt psychologisch gesprochen nur über den Vatermord, die innere Aberkennung der Vaterschaft gegenüber dem leiblichen Vater. Und das ist für manche Jungen oder Männer mehr, als sie manchmal schaffen und ertragen können.
Und noch ein drittes Beispiel für die psychologische Bedeutung eines abwesenden, wenig oder gar nicht sorgenden Vaters. Frank McCourt hat diesen schrecklichen, grausamen, unzuverlässigen und dennoch irgendwie liebenswerten Vater in seinem autobiografischen Roman „Die Asche meiner Mutter“ ausführlich beschrieben. Seine Mutter Angela sitzt mit den Kindern hungernd und frierend in einem Elendsviertel von Limerick in Nordirland und wartet jeden Donnerstagabend auf den Mann mit seinem Wochengeld, damit sie für ein paar Tage etwas zu essen haben. Und was macht der ? Er versäuft regelmäßig den Lohn. Dann geht sie mit den Kindern zum Werktor, will ihn abpassen, damit er nicht wieder in einer Kneipe versackt, aber er stiehlt sich hinten aus der Fabrik heraus und kommt wieder nachts torkelnd die Straße hoch, weckt seine Kinder, läßt sie in der Stube strammstehen, ein irisches Volkslied singen, auf die irische Revolution schwören und fällt dann besoffen mitsamt seiner Kleidung aufs Bett, um seinen Rausch auszuschlafen. Hier eine der unzähligen Stellen aus dem Roman, die voller tiefer Bitterkeit und zugleich großer Lebendigkeit sind.
„Es gibt Donnerstage, da kriegt Dad sein Stempelgeld auf dem Arbeitsamt, und ein Mann sagt, gehen wir noch auf einen Pint, Malachy ? und Dad sagt, eine, nur eine einzige, und der Mann sagt, o Gott, ja, eine, und bevor die Nacht vorüber ist, ist das ganze Geld weg, und Dad kommt singend nach Hause und holt uns aus dem Bett, und wir müssen uns aufstellen und versprechen, daß wir für Irland sterben, wenn der Ruf ergeht. Er holt sogar Michael aus dem Bett, und der ist erst drei, aber da steht er schon und singt und verspricht, daß er bei der ersten sich bietenden Gelegenheit für Irland stirbt... Es ist schon schlimm genug, daß Dad seine Arbeit immer in der dritten Woche verliert, aber jetzt vertrinkt er auch noch einmal monatlich sein ganzes Stempelgeld. Mam ist verzweifelt, und morgens hat sie das bittere Gesicht und redet nicht mit ihm. Er trinkt seinen Tee und verläßt das Haus in aller Frühe und macht seinen langen Spaziergang übers Land. Wenn er am Abend zurückkommt, spricht sie nicht mit ihm und macht ihm keinen Tee. Wenn das Feuer aus ist, weil es an Kohle oder Torf fehlt und man kein Wasser für den Tee kochen kann, trinkt er Wasser aus einem Marmeladenglas und schmatzt mit den Lippen, wie er das bei einer Pint machen würde. Er sagt, gutes Wasser ist alles, was ein Mann braucht, und Mam macht ein schnaubendes Geräusch. Wenn sie nicht mit ihm spricht, ist das Haus schwer und kalt, und wir wissen, daß wir auch nicht mit ihm sprechen dürfen, weil wir Angst haben, daß sie uns dann mit dem bitteren Gesicht ansieht. Wir wissen, daß Dad das Böse getan hat, und wir wissen, daß man jeden leiden lassen kann, wenn man nicht mit ihm spricht. Sogar der kleine Michael weiß, daß man, wenn Dad das Böse getan hat, von Freitag bis Montag nicht mit ihm spricht, und wenn er versucht, einen auf den Schoß zu nehmen, rennt man zu Mam.“
Welche Beschreibung einer Familiendynamik. Warum blieb die Frau bei diesem Mann, warum liebten die Kinder weiterhin ihren Vater ? War es nur das gemeinsame Elend und die hoffnungslose Ausweglosigkeit daraus ? Nein, sie haben sich wirklich geliebt und ich fürchte, sie würden sich auch nicht anders verhalten, wenn sie noch einmal die Wahl hätten. Der Vater hat die Familie verlassen und ging nach England, während sein Sohn Frank wenige Jahre später das gleiche machte, und nach Amerika zurückging, dem Land, in dem er geboren wurde.
Söhne auf den Spuren ihrer Väter. Aus psychologischer Sicht erscheint mir zu diesem Verhältnis noch eine Anmerkung bedeutsam und das bezieht sich auf die Rolle der Phantasie in der Vater-Sohn-Beziehung. Die Phantasie bietet einen schier unerschöpflichen Reichtum an Korrekturmöglichkeiten für eine Wirklichkeit, die wir Realität nennen. Und hier scheinen zwei psychische Mechanismen vorherrschend zu sein: eine negative, schlechte, entbehrungsreiche, kalte oder unnahbare Beziehung zum Vater kann sich in der Phantasie eines Jungen in ihr Gegenteil verkehren und auf einmal wird der schlechte Vater zum guten. Mir erzählte mal ein kleiner Junge von St. Pauli, daß sein Vater mit ihm spazierengehe, ihm eine Mark gebe, wann immer er danach frage, mit ihm jede Woche ins Kino gehe und ihm etwas zu essen koche. In der Schule erzählte er seiner Lehrerin von seinen Geschwistern, seinem Hund und seiner Ferienfahrt. Aber der Junge hatte gar keine Geschwister, fuhr nicht in die Ferien, hatte keinen Hund, bekam vom Vater nichts zu essen gemacht und dieser ging mit ihm weder spazieren, noch ins Kino. Es war die kompensatorische Funktion der Phantasie, die für den Jungen eine unerträgliche Realität lebbarer machte. Würden wir den Jungen als Lügner bezeichnen, so hätten wir sicher recht damit. Psychologisch und pädagogisch gesehen aber hätten wir einem massiven Problem des Jungen ein weiteres hinzugefügt.
Diese lebenswichtige kompensatorische Funktion der Phantasie, die wir in der Psychologie auch von mißhandelten Kindern, Mißbrauchsopfern, KZ-Häftlingen oder Folteropfern kennen, ist oftmals eine wichtige Überlebensstrategie, manchmal sogar die einzig mögliche. Eine zweite Variante dieser Phantasietätigkeit besteht darin, abwesende Väter psychisch zu anwesenden zu machen. Dies bedeutet, daß Kinder ohne Väter in Wirklichkeit, d.h. in ihrer psychischen Wirklichkeit, gar nicht ohne Vater sind, nur sie haben in der Phantasie einen anderen Vater, als den realen, abwesenden. Es scheint sogar so zu sein, daß je abwesender der Vater in der sogenannten äußeren Wirklichkeit, desto anwesender, bedeutsamer, überhöhter, grandioser wird der Vater in der inneren Wirklichkeit eines Jungen. Wer diese innere, kompensatorische Rolle der Phantasie unterschätzt und meint, ein Junge braucht keinen Vater, vermißt ihn nicht, hat noch nie etwas in der Richtung gesagt, der weiß nicht, was in den Kindern vor sich geht. Insbesondere von Müttern nach Trennungen und von alleinerziehenden Müttern höre ich solche Argumente häufig in bezug auf ihre Jungen, die alles haben und keinen Vater vermissen. Sie beruhigen sich damit selbst, ihr schlechtes Gewissen, und pflegen damit ihre eigenen Seelen, aber mit dem inneren Erleben ihrer Kinder hat das meist wenig zu tun.
Gut oder schlecht sind keine Attribute oder gar Preise für Väter, die von den Müttern verliehen werden, sondern zunächst einmal von den Kindern. Und hier stellt sich die Sicht auf die Väter meist gänzlich anders dar, als sich die Mütter dies ausmalen oder gar erhoffen. Fragt man heute die Kinder, so ergibt sich folgendes klischeehafte Bild von Müttern und Vätern:
Mütter sind warm und weich, trösten, sind immer fröhlich und gutgelaunt, sind die Kraftspender für die ganze Familie, sind immer sanft und beschwichtigen jeden Streit, machen alles im Haushalt, arbeiten von morgens bis abends, sind die Sängerinnen der Gutenachtlieder und die Vorleserinnen ewiger Kindheitsgeschichten, pflegen bei Krankheiten, sind aber selber nie krank, klatschen und tratschen viel und telefonieren viel und lange mit Freundinnen, machen mit den Kindern immer Schulaufgaben, riechen immer gut und machen sich schön, interessieren sich nicht für Politik und haben keine Ahnung von Sport, haben immer Verständnis für alles und sind nur selten böse, können nicht logisch denken..
Väter sind streng und bestrafen, toben immer mit Kindern und werfen kleine Kinder immer in die Luft, erklären alle technischen Sachen und den Lauf der Welt, haben eine große Liebe zu Autos, weinen nie, können nicht kochen, haben immer etwas anderes zu tun, wenn es um einen Hausputz geht, sind richtig krank, wenn sie mal krank sind, kennen alles im Sport, machen im Haus alles dreckig, lieben ihre Kinder innerlich und aus der Ferne, arbeiten immer, lieben einen Feierabend, sehen nur Sport und Politik im Fernsehen, sind irgendwie immer alleine gegen den Rest der Welt, ...
Väter sind also nicht an sich eine erfahrbare und qualifizierbare Größe, sondern stellen sich unterschiedlich dar, je nachdem ob man sie selbst, ihre Frauen oder ihre Kinder fragt. Der Ort, an dem über das Schicksal und die Qualität der Väter entschieden wird, nennt sich Familie. Hier muß sich zeigen, ob Väter sich bewähren. Das Programm, das sich Familie nennt, ist aus meiner Sicht heute allerdings schwieriger geworden, als es früher noch war. Die Ansprüche an die Familie als Ort der allgemeinen Glückseligkeit, der Harmonie, der Energiequelle, des Ausgleichs und der allgemeinen Regeneration überfordern das gesamte Unternehmen schon im Ansatz.
Der Begriff Vater ist heute immer noch mythologisch besetzt und als solcher wirksam. Er symbolisiert Ausdauer, Stärke, Mut, Moral und Werte, Kampf für das Gerechte, Schutz vor den Gefahren des Lebens, Größe, Opferbereitschaft, Wahrung des Allgemeingutes. Aber dieser symbolisch wirksame Begriff ist nicht ohne seine Komplementärbegriffe denkbar. Der schützende Vater steht neben der sorgenden Mutter und den lieben, kleinen Kindern innerhalb einer glücklichen Familie. Wer den Begriff des Vaters und seine symbolische Bedeutung verstehen will, der muß ihn in den Kontext der modernen Familie stellen und dort entzaubern.
Die Mystifikation der Familie ist eine Erfindung der Moderne. Die feudale Familie war eine offene Hausgemeinschaft, eine arbeitsteilige Produktionsgemeinschaft, in der das Überleben aller Beteiligten im Mittelpunkt stand. Erst die Auflösung dieser Produktionsgemeinschaft im Zuge der Industrialisierung führte zu einer „Emotionalisierung“ der Familie. Diese Emotionalisierung der Familie hin zur „glücklichen Familie“ als heutigem Leitbild hat vier Erscheinungsformen:
Die Frauen waren innerhalb des familiären Binnenraums für die Gefühle verantwortlich, während der Mann nach außen ging, im öffentlichen Raum tätig wurde und für das ökonomische Auskommen zu sorgen hatte. Diese innerfamiliäre Arbeitsteilung trennt Emotion und Ökonomie, Ideal und Wirklichkeit, Geld und Liebe. Die Polarisierung in weiblich/emotional und männlich/rational sowie die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung haben bei den Frauen Unzufriedenheit und Rivalität entstehen lassen, da sie gleichberechtigt an den sozio-ökonomischen Prozessen teilhaben und nicht mehr allein für die Wahrung emotionaler Ideale zuständig sein wollen.
Die Forderung nach „romantischer Liebe“ innerhalb der „glücklichen Familie“ mit „geliebten Kindern“ hat die Familie als Institution innerhalb einer erkalteten Gesellschaft unter einen nicht aushaltbaren Druck gesetzt: Die Abkühlung der emotionalen Familienbeziehungen scheint heute nur noch durch Trennungen und Scheidungen möglich, weil viele Menschen lieber die Familie verlassen, als ihre romantischen Ideale zu hinterfragen: Die Ideen müssen vom subjektiven Gefühl her gegen die frustrane Wirklichkeit verteidigt und aufrechterhalten werden, weil nur noch so die eigenen Bedürfnisse lebbar erscheinen. Die Aufgabe aufgeklärter Menschen heute liegt nicht in der Zerstörung der Familie insgesamt, sondern in ihrer Entemotionalisierung, Entmystifikation und Entidealisierung. Nicht die Familie als privaten Lebensraum gilt es zu zerstören, sondern das Ideal der dauerhaft romantischen Liebe und die Vorstellung, Kinder dienten der Sinnstiftung. Unter dem Druck dieser Ideen erscheint die reale Familie emotional überfordert, weil die Ideale unlebbar geworden sind.
Männer und Frauen, Väter und Mütter inszenieren heute immer noch weitere Variationen des gleichen Spiels familiärer Arbeitsteilung. Frauen und Mütter betonen Liebe und Gefühl und betreiben damit weiterhin die Emotionalisierung und Mystifikation der Familie. Es ist eine eindeutige, soziologisch festgestellte Tendenz, daß Frauen und Mütter immer unzufriedener werden mit Ehe, Partnerschaft und Familie. Sie sind nicht mehr bereit, den ganzen Tag unbezahlt zu arbeiten, Haushalt und Kinder zu versorgen, über diese minderwertigen Hilfsdienste als Putzfrau und Kindermädchen ihren Selbstwert zu stabilisieren und dabei zugleich immer älter und für ihre Männer unattraktiver zu werden. Auch Frauen leben nur einmal, sagte mir mal eine Klientin und läutete damit ihren Ausstieg aus der Familie ein. Männer haben dagegen eine höhere Zufriedenheit in Partnerschaft und Familie und ich glaube nicht, daß dies nur seine sogenannten objektiven Gründe in ihrer Berufstätigkeit, und ihrer gesellschaftlichen und politischen Macht hat. Sie glauben auch dann noch, daß es ihrer Frau gut geht, wenn diese schon die Koffer gepackt hat. Männern paßt das gängige Familienmodell eher: sie haben sich den zentralen Sessel mit Blick auf den Fernseher gesichert, sind die Herren der Fernbedienung und haben mit dem familiären Alltag auch heute noch durchschnittlich wenig zu tun. Wenn ihre Frauen mal aufmucken und sich verweigern, dann kaufen sie sich eben andere Frauen. Familie als Lebensarrangement ist für Männer einfacher und zufriedener lebbar, als für Frauen. Wenn die Männer dies nicht langsam zur Kenntnis nehmen und mit ihren Frauen gemeinsam andere familiäre Umgangsformen entwickeln, dann werden die Scheidungsquoten noch mehr steigen.
Männer und Väter sind im Durchschnitt konservativ und wer will ihnen das verdenken. Sie verteidigen ja nur die angenehmen Plätze. Dabei nehmen sie heute immer noch diesen ihnen historisch zugewiesenen Platz als Ernährer innerhalb der Familie ein und definieren ihren Selbstwert und ihre Sorge für Frau und Kinder über diese berufliche Arbeit. Das ist in Ordnung so und man sollte ihnen daher auch nicht jede Form von Sorge aberkennen, aber sie müssen auch erkennen, daß das mittlerweile nicht mehr reicht und unser kulturelles Niveau sich langsam weiterentwickelt.
Dabei werden Männer zunehmend überflüssig. Als einzig mögliche Ernährer haben sie ebenso ausgedient, wie als unverzichtbare Samenspender. Frauen können sich und ihre Kinder heute selbst ernähren - auch wenn dies für viele alleinerziehende Frauen heute das Los der Sozialhilfeempfänger bedeutet - und die zweifelhaften Segnungen der modernen Reproduktionsmedizin schaffen auch immer mehr Möglichkeiten, Kinder zu bekommen, ohne den Beziehungsstress mit den Männern und Vätern.
Aus der Sicht der Väter selbst sieht das natürlich alles anders aus. Sie sorgen mittelbarer für ihre Familien, aber aus ihrer Sicht nicht unbedingt weniger. Sie schaffen die materiellen Rahmenbedingungen der Familie, den Lebensunterhalt, die ökonomische Basis. Und dabei schaffen sie es, diese Sorge für ihre Familien aufs wunderbarste mit ihrer eigenen Identität, ihrer männlichen Selbstverwirklichung zu verbinden. Nur wenn man dies versteht, kann man Männer und Väter verstehen, nur wenn man die Bedeutung ihrer Berufe und ihrer Arbeit ernst nimmt, bekommt man einen Zugang zu ihren Seelen. Hier schlagen ihre Seelen im täglichen 8-Stunden-Tag. Horst Petri, Autor des ausgezeichneten Buches „Guter Vater - Böser Vater. Psychologie der männlichen Identität“ hat diese Sachverhalte offen angesprochen. Er schreibt: „Die Berufsidentität des Mannes als von Kindheit an verinnerlichter Lebensauftrag war, ist und wird immer das Zentrum sein, auf das er seine Hauptidentität gründet. Um sie herum baut er seine Teilidentitäten auf. Daß berufliche Arbeit auf der materiellen Ebene in erster Linie der lebensnotwendigen Selbsterhaltung dient, ist zu selbstverständlich... Auf die selbststabilisierende Funktion des Berufs verzichten zu müssen oder zu sollen würde zwangsläufig zu einer Identitätskrise führen. Der verbreitete Vorwurf von Frauen an Männer: „Erst kommt dein Beruf, dann kommen die Kinder, und erst dann komme ich“ erlaubt daher nur die volle Bestätigung. Alle Ausreden, Vertröstungen und Leugnungen wären Lüge. Zuerst kommt der Beruf. Er ist der Grundpfeiler männlicher Identität.“ ( Horst Petri, Guter Vater - Böser Vater, Psychologie der männlichen Identität, München 1997, 60-61)
Was man beklagen kann ist die Form der familiären Arbeitsteilung und die damit einhergehende Gebundenheit der Lebenserfüllung der Frauen an Heim und Herd, Kindererziehung und Wohnungseinrichtung. Die Veränderungen eines hierarchischen Modells der traditionellen Familie in Richtung eines mehr partnerschaftlichen ist sicherlich notwendig, weil es menschlicher und gerechter ist. Solche Veränderungen müssen aber innerhalb der partnerschaftlichen Beziehung diskutiert, ausgehandelt und verändert werden und zum anderen müssen sich entsprechend die sozio-ökonomischen Bedingungen ändern. Aber das alles geht nicht über den Weg der Anklage, der Schuldzuweisung und der Diffamierung des anderen Geschlechts und Partners als schlechte Männer und Väter, vor allem, wenn dabei - wie es häufig geschieht - die Kinder zu Kronzeugen gemacht werden. Notwendig wäre hier ein Aushandeln einer neuen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, Mutter und Vater, zwischen Familie und Beruf, aber nicht eine generelle Anklage an die schlechten Männer und Väter.
Söhne verehren ihre Väter, Söhne rebellieren gegen sie, Söhne wollen andere Väter werden, als ihre eigenen (in ihrer Wahrnehmung) waren, und sie hassen sich manchmal sogar selbst, wenn sie erkennen, dass sie als Erwachsene ihren Vätern doch so ähnlich geworden sind. Söhne werden Väter und suchen unablässig nach Korrekturen alter Vorbilder anhand wiederkehrender Fragen: Wie kann ich ein guter Vater sein ? Wie kann ich die Fehler meines Vaters vermeiden ? Hier ein letztes literarisches Beispiel einer Vater-Sohn-Beziehung aus dem bemerkenswerten Familienroman „Die Korrekturen“ von Jonathan Frantzen ( Reinbek 2002). Chip hat im Vergleich zu seinem älteren, erfolgreicheren Bruder Gary sein Leben lang gegen seinen Vater rebelliert und sich nie von ihm geliebt gefühlt. Fast hat es den Anschein, als habe seine lebenslange Rebellion gegen seinen Vater Alfred nur eine Berechtigung in dem Gefühl, der ungeliebte Sohn zu sein. Erst sehr spät, als das Leben von Alfred schon von Parkinson und Alzheimer gekennzeichnet ist, als sein Vater in beinahe kindlicher Weise eine erwachsene, sorgende Sicht von Chip verlangt, kann er es zulassen, dass sein Vater Alfred ihn liebt, vielleicht sogar mehr, als seinen Bruder Gary. Chip reagiert verstört auf diese Vaterliebe. „Sobald er in den Gesichtskreis seines Vaters geriet, huschte ein Lächeln des Wiedererkennens und der Freude über Alfreds Züge. Dieses Lächeln hätte bedeuten können, dass Alfred Chip verwechselte, wenn er nicht jedes Mal seinen Namen gerufen hätte. Chip wurde von dem alten Mann ganz offensichtlich geliebt Die längste Zeit seines Lebens hatte er sich mit Alfred in den Haaren gelegen und Alfred gegrollt und den Stachel von Alfreds Missbilligung gespürt, und jetzt waren seine persönlichen Niederlagen und politischen Ansichten eher noch extremer als früher, und trotzdem war es Gary, der mit dem alten Mann stritt, und Chip, der das Gesicht des alten Mannes leuchten ließ.“ ( Jonathan Frantzen, Die Korrekturen, Reinbek 2002, Seite 752) Korrekturen in den Vater-Sohn-Beziehungen sind keine Folgen von Rebellionen, Reifung ist kein Akt der Abgrenzung und Verleugnung, sondern der Integration. Wer seinen Vater in sich anerkennt, als integralen Teil seiner eigenen Persönlichkeit zulassen und lieben kann, wird auch als Vater leichter lieben können – nicht nur seine Söhne.
Im Kontext von familiären Konflikten, Trennung, Scheidung und strittigem Sorgerecht und Umgangsrecht haben wir es anscheinend mit besonderen Vätern zu tun, sozusagen mit einem Negativbild eines sorgenden Vaters. Entweder werden solche Männer aggressiv, abwertend, verletzend, oder sie ziehen sich von allem zurück, zahlen keinen Unterhalt mehr, regeln alles über die Rechtsanwälte und suchen sich neue Frauen. Am Ende der ganzen Familienkonflikte haben sie nur noch selten Kontakte zu ihren leiblichen Kindern, und zu der Mutter ihrer Kinder gar nicht mehr. Oder sie werden zu diesem jammernden, bedürftigen Wesen, einer Karrikatur eines gestandenen Mannes, einem Mamasöhnchen, das wehklagend in Kneipen oder eigens gegründeten Vereinen seinesgleichen sucht, sich an die Flasche hängt und sich selbst bemitleidet. Hat solch ein Vater überhaupt eine Berechtigung, sich als Vater zu bezeichnen ? Mir sagte mal eine Frau über den Vater ihre Kindes, der sei nicht der Vater ihres Sohnes, sondern lediglich sein Erzeuger. Haben solche Erzeuger eine Berechtigung, sich Vater zu nennen und als solche wahrgenommen und beraten zu werden ? Sind Väter, die nicht wirklich kindgerecht sorgen, die abwesend oder strafend sind, die sich nicht um die Familien kümmern, die ihre Kinder und ihre Frauen vernachlässigen, überhaupt berechtigt, den Status eines Vaters zu beanspruchen, oder sollte man für diese ein anderes Wort benutzen. Sollten wir solche Negativ-Väter besser in Zukunft Erzeuger nennen und sie damit von wirklichen Vätern unterscheiden ? Haben wir dann das Problem sprachlich gelöst und damit auch einen anderen geistigen Zugang zu ihnen ? Dann könnte man in Zukunft trennen zwischen Väter-Beratung und Erzeuger-Behandlung. Die Väter haben dann nicht nur Probleme, bei denen ihnen aufgrund einer hohen Motivation in Beratungen geholfen werden kann, die Erzeuger könnten dann auch mit verschiedenen Maßnahmen zu einem mehr väterlichen Verhalten gezwungen werden und wenn das mißlingt, könnte man sie zum Schutz der betroffenen Kinder und Frauen zukünftig aus ihren Familienbeziehungen ausschließen und ihnen Kontakte verbieten, notfalls auch gerichtlich. Das wäre doch eine saubere, gründlich deutsche Art der Problemlösung. Diese Unterscheidung zwischen Vätern und Erzeugern ist m.E. kein Horrorszenario, sondern heute bereits alltäglich praktizierte Realität, nur wird sie nicht so benannt und begründet.
Haben wir es also heute mit verschiedenen Vätern zu tun ? Kann man solche Väter, die lange keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern hatten, die mit ihren ehemaligen Frauen noch innerlich sehr verstrickt und zerstritten sind, überhaupt mit Vätern vergleichen, die noch in ihren Familien leben, oder solchen, die mitten in den emotionalen Turbulenzen eines Trennungsgeschehens sind ? Lassen sich all diese männlichen Wesen, deren Gemeinsamkeit darin besteht, daß sie Kinder gezeugt haben oder solche heute versorgen, überhaupt unter einem Begriff subsumieren ?
Im Kontext von Familienkonflikten, Trennung und Scheidung wird den Männern häufig vorgeworfen, insbesondere von ihren Frauen, daß sie nicht ausreichend für die Kinder sorgen können oder wollen. Ihnen wird sozusagen der Status eines Vaters im Zuge der Konflikte aberkannt. Aber manchmal können oder wollen sie auch wirklich nicht sorgen. Sie können nicht, weil sie noch innerlich sehr mit den Konflikten mit ihren eigenen Vätern absorbiert sind, oder weil man sie beispielsweise nicht sorgen läßt oder sie wollen nicht mehr sorgen, wenn sie kein Interesse mehr an den Kindern haben. Dann zahlen sie auch keinen Unterhalt mehr, ganz nach der Devise, wovon ich nichts habe, dafür zahle ich auch nicht. Fragt man die Väter selbst, so wollen sie aber fast immer sorgen, nur die meist schwierigen, rachsüchtigen, unnachgiebigen, verständnislosen oder schrecklichen Ex-Frauen und Kindesmütter hindern sie daran.
Sie sehen, auf diese Weise kommen wir schwerlich weiter in einem Verständnis von Vaterschaft heute. Das Thema ist zu kontrovers, wird in den familiären Konflikten pervertiert, aufgelöst oder ins Gegenteil verkehrt. Manche Väter würden in bestimmten Familien auch durchaus eine gute Vaterfigur abgeben, während sie in anderen Familien für die gleichen Handlungen rausgeschmissen würden. Die Frage, ob ein Vater gut oder schlecht ist, entscheidet sich nur im Kontext der jeweils konkreten Familie, d.h. in den Beziehungen zu Kindern und Müttern. Vaterschaft ist damit keine rein genetische oder juristische Bestimmung, oder im psychologischen Sinne eine individuelle Eigenschaft, sondern im Kern eine Beziehungsqualität. Nehmen wir die familiären Beziehungen und die darin enthaltenen Konflikte, Themen, Probleme, Liebesbande und Sorgebedürfnisse zum Maßstab, dann entstehen unterschiedliche Formen der Vaterschaft.
Ich schlage vor, verschiedene Väter-Formen je nach Zeitpunkt und dem Stand der familiären Beziehungen zu unterscheiden. Aus dieser Unterscheidung ergeben sich zugleich die Möglichkeiten und Grenzen einer Beratung von Vätern. Eine sehr grobe Unterscheidung ergibt dann mindestens 7 verschiedene Väter-Formen.
Es ist meine These, daß die Möglichkeiten und Grenzen, Ziele, Inhalte und erforderlichen Methoden der Beratung im wesentlichen dadurch bestimmt werden, zu welchem Zeitpunkt der familiären oder partnerschaftlichen Konflikte die Beratung einsetzt. Je nach Zeitpunkt und damit Art und Schwere der Konflikte, hat ein Vater eine hohe bzw. gute Motivation, sich durch Beratung Hilfe zu holen. Die Eigenmotivation halte ich für die Basis jeder Beratung und Therapie. Beratung ist auf die Lösung von meist aktuellen Problemen ausgerichtet, während Therapie sich auf einen Veränderungsprozeß bezieht, der sowohl psychodynamische, als auch familiendynamische Seiten hat. Sowohl Problemlösung, als auch Veränderung der eigenen Person und der familiären Beziehungen sind nur auf der Basis einer Eigenmotivation möglich. Gegen die Widerstände, die sozusagen zum Block gefrorenen Abwehrkräfte eines Menschen, kommen nur selten Veränderungen zustande.
Dabei sei nur am Rande erwähnt, daß ich die Unterscheidung zwischen Freiwilligkeit und Zwang zur Therapie für künstlich und gänzlich unpsychologisch halte. Aus meiner Sicht ist jede Therapie im Gegensatz zu einer Beratung eine Zwangstherapie, weil es immer Zwänge sind, die Menschen zu diesem Schritt veranlassen. Therapien setzen die zumindest partielle Kapitulation der Abwehrkräfte voraus oder gar die Einsicht in die Notwendigkeit einer Veränderung. Insofern entstehen Therapien immer aus einem Zwang. Mal wird der Zwang durch ein Leiden an sich selbst oder an den persönlichen Beziehungen hergestellt, manchmal zwingen einen Menschen die Entscheidungen anderer, sich therapeutische Hilfe zu holen. Nun einige kurze Anmerkungen zu den Väter-Formen im einzelnen.
Der Vater innerhalb familiärer Konflikte.
Solche familiären Konflikte können ganz unterschiedlich sein. Meist beziehen sie sich auf die Erziehung der Kinder, die Verteilung von Geld, Raum, Zeit oder Liebe in Familien, eine kindliche Symptomatik, wie massive Schulprobleme, Aggressivität oder Rückzug, ein Ablösungsproblem eines Jugendlichen aus der Familie oder auch die Umstellungsprobleme, die durch ein weiteres Kind erforderlich werden. Oftmals handelt es sich bei diesen Familienkrisen um sogenannte normative, d.h. Krisen im Zusammenhang mit normalen Veränderungsprozessen in der familiären Entwicklung. Bei all diesen Problemen sind Väter in ihrer väterlichen Sorge gefragt, sowohl gegenüber den Kindern, als auch zusammen mit den Müttern als Eltern. Die Beratung der Väter muß in diesem Zusammenhang meist in drei Richtungen erfolgen: erstens eine individuelle Beratung der Väter im Hinblick auf ihre beteiligten persönlichen Konflikte und Gefühle, Ambivalenzen und Widerstände, zweitens eine historische Ebene der Beratung als Aufarbeitung ihrer eigenen Kindheits- und Ursprungsfamilienerfahrungen, insbesondere die Erfahrungen mit dem eigenen Vater und drittens eine systemische Ebene der Beratung, in der die familiendynamischen Aspekte der Erziehungsfragen, der Ablösungsprobleme oder der kindlichen Symptome untersucht werden. Die Übergänge zwischen Beratung und Therapie halte ich hier für sehr fließend, weil die Lösungen der Probleme, die ursprünglich in die Beratung geführt haben, oftmals mit persönlichen Veränderungen in den Einstellungen, Haltungen oder Werten verbunden sind. Nach meinen Erfahrungen haben Väter eine ausreichende, gute oder gar hohe Motivation für solche Beratungen. Allerdings ist solch ein Klientel im Rahmen der Allgemeinen Sozialen Dienste eher selten, meist suchen solche Familien die Erziehungs- und Familienberatungsstellen auf.
Der Vater in partnerschaftlichen Konflikten.
Ich gebe zu, der Titel klingt kurios, aber ich meine ihn so, wie er da steht. Es geht dabei um partnerschaftliche Konflikte zum Thema Väterlichkeit. Dieses Thema hat sehr verschiedene Facetten. Die erste und offensichtlichste ist die, daß die Frau und Mutter der Kinder dem Vater vorwirft, er sei nicht ausreichend väterlich sorgend für die Kinder. Sie habe eine andere Vorstellung davon, wie er sich in den Konflikten um die Erziehung der Kinder oder an deren Versorgung und Förderung zu beteiligen habe. Obwohl es keine besonderen Auffälligkeiten bei den Kindern gibt, stellt sich diese Väterlichkeit für die Frau als ein besonderes Problem dar und wenn sie das so sieht, dann ist es auch ein Problem. Manchmal verbergen sich hinter diesen partnerschaftlichen Konflikten um die Väterlichkeit gänzlich andere, denen dann nachgegangen werden muß.
Manchmal handelt es sich dabei aber auch um Ansprüche der Frauen an eine väterliche Sorge durch die Männer. Sie wollen in den Männern nicht nur liebevolle Väter für ihre Kinder, sondern auch etwas väterliche, liebevolle Zuwendung und Sorge für sich. Dies ist durchaus legitim und schön, auch Männer haben sehr häufig solche Ansprüche an ihre Frauen, sie mögen mütterlich, nährend und sorgend sein. Diese Fähigkeit, sich in einer Partnerschaft auch mütterlich und väterlich sorgend zu verhalten, halte ich für besonders wichtig und wohl dem Paar, das um diese Ansprüche weiß und sie befriedigen kann.
Eine dritte, meist viel kompliziertere Variante der weiblichen Ansprüche an die Väter-Männer ist die der meist unbewußten Konflikte mit dem eigenen Vater, die erst dann wieder virulent werden, wenn der Partner zum Vater geworden ist. Die frühere Vater-Tochter-Beziehung der heutigen Frau und Mutter ist oftmals derart konflikthaft, daß die alten Konflikte erst in den neuen Beziehungen hochkommen, sich dort ausbreiten und zu unerträglichen Spannungen, Konflikten, Ansprüchen oder Gefühlen führen können.
Auf diese Weise ist der Vater in einer Familie nicht nur eine Person, sondern meist eine multiple Persönlichkeit. Er ist mehr oder weniger sorgender Vater seiner Kinder, er ist heutiger Vater seiner Frau als väterlich sorgender Partner und er ist zugleich symbolischer Repräsentant des alten Vaters seiner Frau. Je nachdem, mit welchen Konflikten diese verschiedenen Formen der Väterlichkeit behaftet sind, kann es schon zumindest zu erheblichen Mißverständnissen und Folgeproblemen führen. Wohl dem Vater, der bei diesen offenen und verdeckten Turbulenzen um seine Väterlichkeit mit sich selbst im Reinen ist. Aber wer ist das schon. Damit komme ich zu der dritten Form, dem Vater im Vater.
Der Vater im Vater
Für alle Väter ist diese Form der Väterlichkeit die schwierigste, komplizierteste, unangenehmste, widersprüchlichste und emotional am heftigsten besetzte Art der Väterlichkeit. Es geht dabei um nicht mehr und nicht weniger als den Mann, der für mich einmal die ganze Kindheit lang das große Vorbild war, bevor ich ihn selbst in meiner späten Jugend in einem unglaublichen Kraftakt vom Sockel stürzte, es geht um den Vater, der mich erzogen hat und mir vieles Nützliche und Nutzlose beibrachte, der mir eine besondere Form von Nähe zwischen Männern zeigte, für den ich als männliches Wesen so viele Gefühle hatte, wie nach ihm nur noch für meine Söhne und der bei aller Widersprüchlichkeit und Emotionalität zur inneren Vorlage und Folie für meine eigene Vaterschaft wurde. Wir alle haben uns als Söhne mehrfach in unserer Jugend vorgenommen, niemals so zu werden, wie unsere Väter und bestimmte Dinge auf jeden Fall anders zu tun, als diese und es ist eine Sternstunde der frühe Elternneurose, wenn wir als Männer und Väter das erste Mal feststellen, daß wir die damals abgelehnten Handlungen heute im gleichen Tonfall und mit der gleichen Mimik und Gestik unseren Kindern gegenüber wiederholen, wie es damals der eigene Vater tat. Es ist meine feste Überzeugung, daß Männer in Beratung oder Therapie anderer Männer und Väter hoffnungslos überfordert sind, wenn sie sich nicht vorher ausreichend mit ihrem leiblichen Vater und dessen inneren Bildern in sich auseinandergesetzt haben. Daran ändert auch keine Supervision der Welt etwas. Und wenn Väter es schaffen, die eigenen Väter nicht später zu ermorden, zu verteufeln oder sich auf gänzlich andere Weise von ihnen loszusagen, sondern diese Vaterbilder mit den eigenen Identitäten zu integrieren, dann haben sie die Voraussetzungen, zu guten Vätern zu werden. Von allen Ebenen der Beratung ist diese in bezug auf den Vater im Vater nach meiner Erfahrung die häufigste und wahrscheinlich auch wichtigste. Und hier brauchen solche Männer und Väter durchaus andere Männer und wenn es geht auch Väter, die mit ihnen ein Stück des Weges gehen, ihnen wenn man so will auch hier ein Vorbild oder gar ein identifikatorisches Gegenüber sind. Ich biete Männern in dieser Phase meistens auch Einzelgespräche an, auch wenn sich die Frau dabei ausgeschlossen fühlt. Ebenso wichtig, wie das Gespräch von Frau zu Frau über bestimmte Themen, ist auch hier das Gespräch von Mann zu Mann. Dabei geht es meist nur um die Darstellung der eigenen Sicht, ohne gleich kritisiert oder abgewertet zu werden, aber auch um Dinge, die sie sich nicht trauen ihren Frauen zu sagen, oder um Fragen der Intimität und Sexualität. Insbesondere Männer, die sich ihren Frauen unterlegen fühlen, die eine zu große Abhängigkeit zu ihnen empfinden, die nicht gewohnt sind, so über sich zu reden, nutzen das Angebot gerne. Manchmal entdecken diese Männer dann auch, daß sie so bislang nur mit ihrem Bruder oder auch ihrem Vater gesprochen haben, oder daß sie damit einer uralten Angst vor mütterlichem Tadel aus dem Weg gehen. Wenn sie das so für sich erkennen und in diesen Männer-Gesprächen sich öffnen können, geht es meist im nächsten Schritt darum, dies ihren Frauen zu sagen, wobei ich dann wieder Übersetzungshilfe leisten kann.
Der Vater im partnerschaftlichen und familiären Trennungsprozeß.
Die Trennung und Auflösung einer Familie ist kein synchroner Prozeß, in dem sich alle plötzlich darüber einig sind, sich zu trennen, so wie sie sich vorher darin einig waren, zusammen zu sein. Ich rede hier nicht von den Kindern. Kinder sind meist recht konservative Wesen, die am Erhalt des Status Quo einer Familie auch dann noch interessiert sind, selbst wenn sie geschlagen, unterversorgt oder gedemütigt werden oder die Familie als ganze am Rande der Erschöpfung ist. Ich meine die Ungleichzeitigkeit bei den Partnern selbst. Meist ist es einer der beiden Partner, der sich trennen will oder zumindest in der Trennung die einzig verbleibende Lebensmöglichkeit für sich sieht.
Die Emanzipationsbewegung der Frauen hat dazu geführt, daß sich Frauen klarer wurden über ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Toleranzen und Grenzen. Sie haben als erste die Geschlechterfrage thematisiert und uns als Männern und Vätern damit einiges voraus. Das wollen viele Männer noch nicht wahrhaben, aber es ist so. Männer haben beispielsweise Wissenschaft und Forschung immer so betrieben, als ob der zu erforschende Mensch immer männlich sei. Sie haben sich selbst zum Normalmenschen und dabei die Frauen als Norm-Abweichungen definiert. Jetzt gibt es für die Männer nur noch zwei Möglichkeiten: entweder sie entwickeln ebenfalls eine männer- und väterorientierte Perspektive, und machen sich damit mit allen Konsequenzen selbst zum Forschungsgegenstand, oder sie verharren patriarchalisch auf den bekannten Positionen und Warten auf die schon immer angekündigten Forschungsergebnisse aus Biologie und Medizin, die ihnen eine Minderwertigkeit des Weiblichen attestieren und ihnen damit nachträglich Absolution erteilen.
Neben der prinzipiellen Ungleichzeitigkeit der Trennungswünsche stehen inhaltlich die sogenannten Ambivalenzen im Mittelpunkt der Trennungsphase. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, daß Männer und Väter solche Ambivalenzen kaum aushalten können und wollen. Nachdem sie sie als typisch weiblich abqualifiziert haben, wären sie diese Ambivalenzen gerne los. Es ist ein emotional schwer belastender Schwebezustand, in dem sich solche Familien befinden und in denen die Kinder oftmals heftig mit Symptomen versuchen, von den elterlichen bzw. partnerschaftlichen Konflikten abzulenken, auf ihr Leiden hinweisen oder auch zu einer neuen systemischen Stabilisierung beitragen wollen. Wenn Männer diese unerträglichen Ambivalenzen schon nicht abschaffen können, wie sie es meist gern tun würden, dann beginnen sie häufig einen ebenso hoffnungslosen wie naiven Versuch, sie loszuwerden. Sie versuchen diese Phase auszusitzen in der Hoffnung, der Sturm legt sich und die Frau kommt irgendwann wieder zur Besinnung. Dennoch hat dies einen ernsten Kern, der darin besteht, daß Männer auch wirklich nicht so unzufrieden mit ihrer partnerschaftlichen und familiären Situation sind, wie es die Frauen empfinden. Eine dritte Lösung besteht dann manchmal darin, die Flucht nach vorn anzutreten und Eindeutigkeit und damit Univalenz einzufordern. Dann sagen die Männer irgendwann: „Ich habe die Schnauze voll. Dann machen wir eben Schluß, dann wars das ! Ich suche mir eine Wohnung.“ Wenn sie das noch offen sagen, ist viel gewonnen. Es ist mein Eindruck, daß sie diese Entscheidung eher für sich allein treffen und dann irgendwann handeln, sich aber nicht auf die Konflikte einlassen. Männliche Konfliktlösungsstrategien und ihr Umgang mit Gefühlen sind aber nicht geschlechtsspezifisch anders, sozusagen ein immerwährendes Mysterium männlicher Y-Chromosomen, sondern Ergebnis einer sogenannten geschlechtsspezifischen Sozialisation als Jungen und Männer. Sie werden für den rauhen Alltag, den Markt, die Eroberung, das harte Berufsleben, die letzte Schlacht oder den Kampf, der Leben heißt erzogen und dabei sind tiefe Gefühle zumeist vollkommen untauglich. Neulich fragte ein Mann in einer Paartherapie seine Frau: „Warum soll ich immer sagen, wie ich mich fühle ? Was bringt das ? Damit kommen wir doch kein Stück weiter ? Wir sind nun mal verschieden, so ist das. Entweder du findest dich endlich mal damit ab, oder es geht nicht mehr. Mit deinem ewigen Fragen nach Gefühlen machst du noch alles kaputt.“ Häufig werde ich in solchen Therapiesituationen an Loriots Weisheit erinnert, daß Männer und Frauen nun mal einfach nicht zueinander passen.
Das Ergebnis dieser Trennungsphase ist die Univalenz, also entweder die Entscheidung über die Beendigung von Partnerschaft oder Familie oder ein neuartiger Umgang miteinander. Ich glaube, daß ein solcher familienerhaltender Ausgang nur dann möglich ist, wenn die Männer sozusagen über sich hinauswachsen und sich in der Beziehung zu Frau und Kindern ändern. Wenn sie so bleiben wollen, wie sie sind, machen heutzutage viele Frauen das einfach nicht mehr mit. Diese Änderung bei Vätern und Männern bedeutet meistens, daß sie mehr in Kommunikation gehen, sich als Person mehr zeigen, dabei Gefühlen nicht mehr aus dem Weg gehen, ihren oftmals narzißtisch verhungerten Frauen wieder mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung geben und ihre Konfliktlösungsstrategien ändern. Man mag das als Anpassung des männlichen an das weibliche Lebensprinzip bezeichnen, manche empfinden das auch als Kapitulation, aber im Kern ist es psychologisch richtig. Das emotional und oft auch real überlastete Unternehmen Familie setzt eine solche persönliche Kommunikation, eine tägliche oder auch grundsätzliche Absprache voraus, und erfordert bestimmte Konfliktlösungsstrategien für alltägliche Anforderungen und Krisen. Wer dies nicht alles pflegt oder zumindest bereit ist, langsam zu entwickeln, der stagniert, verharrt in altbekannten Regelungen und Prinzipien und verliert langsam seine eigene Lebendigkeit. Wenn Männer die Familie genauso durchstrukturieren und regeln wollen, wie ihre Arbeitsplätze, der darf sich auch nicht wundern, wenn diese Familien dann genauso langweilig, lustlos und routinemäßig werden, wie die Jobs. Von der Arbeit kann man in Frühberentung gehen, und viele tun das innerlich schon Jahre vorher, aber in den Familien ist das mit der Frühberentung so eine schwierige Sache, wenn die Frau noch lebendig ist und die Kinder jung. Dann kann eine Liebesaffäre durchaus eine Weckfunktion für eingeschlafene Geister und Glieder haben und Frauen tun dies immer häufiger ohne schlechtes Gewissen. Manchmal hat eine solche Affäre auch durchaus eine vitalisierende Funktion für die Partnerschaft und das befürchtete Ende der Familie endet in einem neuen Honigmond.
Der Vater im Scheidungsprozeß.
Frauen gehen in die Beratung und Männer gehen zum Rechtsanwalt. Ist die Scheidung erst einmal beschlossene Sache, dann ziehen Männer das Ding durch, dann hält sie keiner mehr auf und jede noch so moralische Warnung, die Kinder in dem schmutzigen Spiel nicht zu funktionalisieren oder zu vernachlässigen wird auf dem Schlachtfeld der Scheidungskonflikte geopfert. Ich erlebe beide Partner in solchen Konflikten als manchmal wenig mütterlich oder väterlich sorgend. Beide sind fixiert auf ihre eigenen Interessen und Ziele, betreiben Überlebenskampf gegen den anderen und Männer oder Väter sind in solchen Phasen kaum noch zugänglich für andere Einsichten, offene Gefühle, Kompromisse oder weniger verletzende Konfliktlösungen. Für diese Phase scheint mir die Mediation eine gute methodische Möglichkeit der außergerichtlichen Konfliktregelung. Vater und Mutter lösen sich geschlechtlich auf, neutralisieren sich, und werden auch in den juristischen Regelungen folgerichtig als Streitparteien oder Antragsteller und Antragsgegner bezeichnet. Ein solcher Sprachgebrauch entspricht der Wirklichkeit eines gegeneinander gerichteten Ablösungsprozesses. Beratung für Männer wird hier nur selten gewünscht oder notwendig, beispielsweise wenn der Mann verlassen wird und seine Trauer verarbeiten möchte, oder wenn er das Gespräch als Korrektiv zu den Scheidungskonflikten braucht.
Der Vater in den Konflikten um Sorgerecht und Umgangsrecht.
Allein zu diesem Themenbereich könnte ich aufgrund meiner Arbeit als psychologischer Gutachter in strittigen Familiensachen in den letzten 10 Jahren lang mein Herz ausschütten. Ich bewundere immer wieder die zuständigen oder betroffenen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, die Familienrichterinnen und Familienrichter und auch die engagierten - weniger die konfliktorientierten - Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte für ihre psychisch belastende Arbeit in diesen Konflikten. Das neue Kindschaftsrecht halte ich in diesem Zusammenhang für eine grundsätzlich gute Sache, welche neuen Probleme allerdings damit verbunden sein werden, bleibt abzuwarten.
Bislang lag die Quote der Väter, die nach der Scheidung das gemeinsame Sorgerecht beantragt haben, lediglich bei 15-20%. Dies hat wiederum sehr viel mit dem berufsorientierten Selbstverständnis der Väter zu tun, die meinen, es sich aufgrund ihrer Berufstätigkeit schlicht nicht erlauben zu können, die elterliche Sorge auszuüben. Oftmals steckt dahinter aber auch eine Kapitulation vor der vermeintlichen weiblich-mütterlichen Macht. In besonders konflikthaften Fällen halte ich eine gemeinsame Sorge von Müttern und Vätern aber auch nicht für kindgerecht, wenn man dann den Kindern zumutet, im Minenfeld zwischen den immer noch kämpfenden elterlichen Parteien zu leben.
Aber es gibt auch viele ehrliche Väter, die der Meinung sind, die Kinder seien besser bei der Mutter aufgehoben und die von daher freiwillig auf ein Sorgerecht verzichten. Sie schätzen dann ihre Bedeutung als Väter recht gering ein und es könnte eine sinnvolle Aufgabe eines Beratungskonzeptes für Väter sein, diese eigene Geringschätzung als Vater zu hinterfragen. Wieviel hat dies mit der Sicht des eigenen Vaters zu tun, wieviel ist daran eine Loyalitätserklärung an die eigene Mutter, wieso beurteilen sie ihre bisherige Beziehung mit den Kindern so wenig bedeutsam, wie sehen sie sich überhaupt als Väter. Wichtig ist dabei, die Perspektive der Kinder einzunehmen und die Väter zu befragen, wie die Kinder ihr Verhalten wohl beurteilen.
Manchmal gibt es auch einen Tauschhandel, in dem ein Sorgerecht für eine großzügige Umgangsrechtsregelung abgegeben wird. Oftmals fehlt es den Vätern an der wirklichen Überzeugung, daß sie gut und wichtig für ihre Kinder sind. Dies trifft besonders zu, wenn die Kinder noch kleiner sind. Manchmal fühlen sie sich aber auch durch die Kinder gestört, wieder ein eigenes Leben aufzubauen und ich glaube, daß dies eine große Zahl der Männer anbelangt. Wenn sie die Kinder „im großen und ganzen“ bei den Müttern gut versorgt wissen, dann wenden sie sich gern neuen Ufern zu, d.h. suchen sich neue Frauen und gründen neue Familien. Wenn die Umgangskontakte einigermaßen gut verlaufen, dann reicht ihnen das an Väterlichkeit.
Ich muß zugeben, daß ich in solchen Familiensituationen oft an die Löwen erinnert werde. Sobald ein neuer Löwe ein Weibchen erobert hat, indem er den bisherigen Partner im Kampf vertrieben oder gar getötet hat, macht er der Löwin neue Junge. Auch wenn die Löwin noch keine Junge hatte, stellt sie mit dem Erscheinen des neuen Partners automatisch die hormonell gesteuerte Produktion von Milch ein und schüttet vermehrt Sexualhormone aus, die eine neue Schwangerschaft einleiten können, um dem neuen Mann wieder Junge zu gebären, obwohl die kleinen lebenden Jungen noch ihre Nahrung bräuchten. Dies ist ein Genegoismus, der allem Sozialdarwinismus widerspricht. Die Gene des einzelnen zählen, nicht die Arterhaltung. Und meist vervollständigt der neue Löwe sein Eroberungswerk, indem er die Jungen seines Vorgängers einfach tötet. Damit wir uns nicht mißverstehen, ich empfehle hier kein Modellverhalten für Stieffamilien.
Für den Umgang mit den gesamten Trennungs-, Scheidungs- und Nachscheidungskonflikten bedeutsam halte ich die Frage, ob die Eltern bereits neue Partner haben. Für Männer scheint der ungebundene Zustand ohne eine Frau viel schwerer erträglich, als für die meisten Frauen. Viele Frauen sagen manchmal noch nach Monaten oder einem Jahr und mehr, daß sie innerlich noch nicht wieder bereit und offen sind für eine neue Partnerschaft. Von einem Mann habe ich das noch nie gehört und wenn er noch nach Monaten keine neue Partnerin hatte, dann war dies sein größtes Problem. Wenn Männer eine neue Partnerin haben, dann können sie in den meisten Fällen besser mit den Kindern aus der vorherigen Beziehung umgehen und dann gestalten sich Sorgerechtsfragen und Umgangsrecht meist auch konfliktfreier. Eine Ausnahme sind solche Situationen, in denen zwischen der neuen Partnerin und der ehemaligen Kindesmutter heftige Konflikte sind, die die Kinder in Loyalitätskonflikte bringen. Aber damit bin ich schon bei der neuen Familie angelangt, den Vätern in Stieffamilien und ihren Kontakten zu ihren leiblichen Kindern, die zumeist bei den Müttern leben. Das sind dann neue Familien mit ganz eigenen Problemen. Ich will hier nur das Thema Grenzen und den Umgang mit der Familiengeschichte als neue Probleme benennen. Denn Stieffamilien haben trotz - oder vielleicht auch wegen - der vorherigen Erfahrungen der neuen Partner eine noch höhere Trennungsquote als die Erstbeziehungen. ( Auf die ausführliche Darstellung des Vaters in Stieffamilien möchte ich an dieser Stelle verzichten, denn dies habe ich an anderer Stelle getan, vergl. Band 1, Stieffamilien und Adoptionen)
Gestatten sie mir noch eine abschließende Bemerkung. Für die meisten Männer und Väter ist der Schritt in die Beratung mit einer Art innerer Kapitulation verbunden, d.h. das Anerkennen, daß sie allein die Sache nicht mehr im Griff haben. Besonders schwer ist es dann, wenn sie damit das Steuer für ihr Schiff Familie in weibliche Beratungshände legen müssen und damit anerkennen müssen, daß sie als Mann und Vater es nicht geschafft haben, konfliktfrei und harmonisch ihre Familienangelegenheiten zu lösen. Nicht weniger schwer bzw. auf eine andere Weise schwer ist es aber, sich von einem anderen Mann beraten zu lassen. Dies impliziert eine besondere Art der Kränkung, die sie bei Frauen nicht unbedingt erleben müssen. Während sie sich bei Frauen darauf zurückziehen können, daß sie das eben alles anders erleben, sind die Männer ihnen näher und damit auch bedrohlicher. Wenn ein anderer Mann weiß, wo es lang geht und wie die Probleme zu lösen sind, dann haben sie schlicht den kürzeren gezogen. Es ist ein Akt der Unterordnung eines Mannes unter die Herrschaft eines anderen in der Beratung, eine ganz besondere Form der Kastration, eine selbstauferlegte Unterwerfung als Voraussetzung für Veränderung. Dies kann nur gelingen, wenn der Beratungsmann kein bedrohliches Gegenüber darstellt, sondern auf der Grundlage von Respekt sich selbst als Identifikationsobjekt auf Zeit anbietet. Dies bedeutet für die Männer und Väter, die Beratung durchführen, daß sie von einem tiefen Respekt getragen sein müssen für die bisherigen Handlungs- und Sichtweisen des Vaters, und ihm damit ermöglichen, sich überhaupt für eigene Infragestellungen zu öffnen. Wer dies ignoriert, provoziert Widerstände im beratungssuchenden Vater, die sich soweit steigern können, daß sie von der Beratung ganz fernbleiben.
Was bewegt Männer und Väter, andere Männer und Väter zu beraten oder beraten zu wollen? Eine Erklärung könnte eine rein philantropische sein. Männer und Väter sind auch Menschen und sollten daher beraten werden. Eine zweite Erklärung könnte darin liegen, daß solche Beratungsmänner einen besonderen Bedarf sehen. Viele Klienten müssen da abgeholt werden, wo sie sind und manchmal muß man ihnen dazu lange entgegengehen. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, einen Bedarf zu schaffen, auf daß sich der Grad der Unentbehrlichkeit der Menschen von professioneller Hilfe vergrößere. Eine vierte Möglichkeit sehe ich darin, sich im Klienten selbst zu helfen, also auf dem Wege der Projektion hart an der Selbsterkenntnis zu arbeiten. Eine fünfte Möglichkeit ist vielleicht der Aspekt der Ersatzhandlung: indem ich Väter berate, werde ich zum eigentlichen Vater vieler Familien. Dies impliziert durchaus auch einen narzißtischen Gewinn. Eine sechste Möglichkeit besteht darin, damit besser und toller zu sein, als der eigene Vater es je war. „Ich berate heute so viele Familien und dabei auch andere Männer und Väter und du Alter hast es noch nicht mal mit einer geschafft.“ Dies wirft die Frage nach dem Vater-Bild der Berater auf. Und damit schließt sich der Kreis.
Warum kommen Väter in die Beratung, wofür brauchen sie Beratung und welche Interessen verfolgen sie damit ? Diese Ausgangsmotivation für eine Beratung ist wesentlich. Dahinter steht die Frage an die Väter, ob es ihnen hinter einer vordergründigen Sorge um die Kinder vielleicht eher um weitere Auseinandersetzungen mit der Kindesmutter geht. Wollen sie in ihren Bemühungen die Mütter bzw. Partnerinnen und Ehefrauen treffen, sie verletzen, erniedrigen, demütigen oder schlicht ihre Aggressionen ausleben ? Geht es ihnen also wirklich um die Kinder oder um etwas anderes ? Zur Beurteilung dieser hintergründigen Fragestellung ist meines Erachtens die Frage nach der väterlichen Sorge von konkreter, alltäglicher diagnostischer Bedeutung.
Die erste Frage bezieht sich auf ihre väterliche Sorge. Inwieweit können sich diese Väter in die Seelen der Kinder, ihren Bedürfnisse, Wahrnehmungen und Handlungsweisen hineinversetzen, wieviel Empathie haben sie für die Kinder ? Wir wissen beispielsweise, daß mißhandelnde und sexuell mißbrauchende Väter genau diese Empathie für ihre Kinder nicht aufbringen können oder wollen und damit das Fehlen solcher Empathie geradezu ein Kennzeichen sorgloser Väter ist.
Die zweite Frage bezieht sich darauf, was sie in der Vergangenheit für die Kinder getan haben. Dabei geht es nicht darum, ob die Mütter dies auch als Sorge empfinden. Je strittiger der Familiennfall, desto weniger sind die Mütter bereit zu solch eine Sicht, desto negativer wird bei ihnen das Bild der Väter. Wichtig ist vielmehr, ob die Kinder dies so empfunden haben und wie es die Väter selbst sehen bzw. gemeint haben.
Der dritte Aspekt bezieht sich auf die Frage, inwieweit die Väter heute korrekt sorgen, also beispielsweise den Unterhalt für die Kinder zahlen, mit ihnen auf den Dom gehen, spielen, ihre Fahrräder reparieren oder mit ihnen Schularbeiten machen. Hierbei geht es um konkret gelebte väterliche Sorge. Bei dieser Gelegenheit möchte ich gern eine mir wichtige Anmerkung machen. Ich erlebe es immer wieder in strittigen Umgangsrechts- und Sorgerechtsverfahren, daß den Vätern von den Müttern vorgeworfen wird, sie würden sich nicht ausreichend um die Kinder kümmern, nur mal mit ihnen zu MacDonalds gehen und viel zu wenig Zeit für sie haben. Meistens sind diese Männer berufstätig, haben von daher weniger Zeit für die Familie als die Mütter. Außerdem verstehen sie ihre Berufstätigkeit auch als eine Form der Sorge und dies ist auch berechtigt. Wichtig ist mir an dieser Stelle aber, daß die Sorge keine Quantitative Grösse ist, sondern im wesentlichen eine qualitative. Und dies nicht, weil die Wissenschaft das so will, sondern weil die Kinder das so sehen und so erfahren. Wichtig ist also nicht, wie lange Väter mit ihren Kindern zusammen sind und ob das den Müttern gefällt, was sie dann mit ihnen machen, sondern wie (!) sie mit den Kindern die Zeit verbringen und wie die Kinder und die Väter das empfinden.
Die vierte Frage an die Sorgefähigkeit der Väter bezieht sich auf die Zukunft ihrer Kinder. Wie sehen die Väter die Zukunft der Kinder und welche Rolle gedenken sie sich selbst dabei zu ? Auch hier geht es wieder um eine Variante der Empathie, eher eine projektive. Wie sehen die Väter die Entwicklungs- und Versorgungsbedürfnisse der Kinder in der Zukunft und inwieweit haben sie diese kindlichen Bedürfnisse in ihren eigenen Lebensentwürfen berücksichtigt.
Männer gehen zum Rechtsanwalt, nicht in die Beratung. Man(n) hat keine Probleme, sondern nur verschiedene Ansichten. Man kann das so oder so sehen.
Wie steht es um die Konfliktlösungsstrategien der Männer. Männer haben keine Probleme, sondern nur Lösungen.
Wie sieht es in den Männern aus?
Ich erlebe die Männer verunsichert und sie versuchen krampfhaft, diese Verunsicherung sich nicht anmerken zu lassen. Das erste Problem ist für den normalen Mann immer noch die Schwellenangst. Wenn sie erst mal den Weg in die Beratung gefunden haben, dann geht es, dann wollen sie auch durchhalten.
Die Ursprungsfamilienerfahrungen
nicht nur, wie die eigenen Mütter und Väter erlebt wurden, oder die eigene Kindheit, sondern auch, ob es in der UF schon Tusch-Erfahrungen gab und wie damit umgegangen wurde.
Die emotionale Bewertung der Tusch-Erfahrungen
Wie stark sind die ehelichen bzw. familiären Konflikte ? Wie stark waren und sind die Kinder in diese Konflikte eingebunden? Wie sind die aktuellen Konflikte mit der Frau beschaffen und wie steht sie dazu, daß der Mann die Kinder nehmen möchte?
Die emotionale Beziehung zu den Kindern
Dies hängt ab vom Alter, Geschlecht und Reifungsstand der Kinder und von den bisherigen Sorgeerfahrungen der Väter. So unterstelle ich, daß Phasen der eigenständigen Versorgung der Kinder in den bisherigen Familienbeziehungen die Frage, ob mann sich ein Zusammenleben mit den Kinder wünscht oder auch nur vorstellen kann, stark beeinflußt.
Die individuellen Konfliktlösungsstrategien
Männer haben auch geschlechtsspezifische Konfliktlösungsstrategien, die m.E. durch Aggression und Rückzug geprägt sind. Selten findet man eine konflikt-, gefühls- und angstorientierte Kommunikation bei Männern.
Die sozio-ökonomische Situation und die möglichen Erziehungshilfen
Sind die Rahmenbedingungen bzw Lebensbedingungen so beschaffen, daß man es sich leisten kann, die Kinder zu sich zu nehmen?
Fragt man heute die Kinder, so ergibt sich folgendes klischeehafte Bild von Müttern und Vätern:
Mütter sind warm und weich, trösten, sind immer fröhlich und gutgelaunt, sind die Kraftspender für die ganze Familie, sind immer sanft und beschwichtigen jeden Streit, machen alles im Haushalt, arbeiten von morgens bis abends, sind die Sängerinnen der Gutenachtlieder und die Vorleserinnen ewiger Kindheitsgeschichten, pflegen bei Krankheiten, sind aber selber nie krank, klatschen und tratschen viel und telefonieren viel und lange mit Freundinnen, machen mit den Kindern immer Schulaufgaben, riechen immer gut und machen sich schön, interessieren sich nicht für Politik und haben keine Ahnung von Sport, haben immer Verständnis für alles und sind nur selten böse, können nicht logisch denken..
Väter sind streng und bestrafen, toben immer mit Kindern und werfen kleine Kinder immer in die Luft, erklären alle technischen Sachen und den Lauf der Welt, haben eine große Liebe zu Autos, weinen nie, können nicht kochen, haben immer etwas anderes zu tun, wenn es um einen Hausputz geht, sind richtig krank, wenn sie mal krank sind, kennen alles im Sport, machen im Haus alles dreckig, lieben ihre Kinder innerlich und aus der Ferne, arbeiten immer, lieben einen Feierabend, sehen nur Sport und Politik im Fernsehen, sind irgendwie immer alleine gegen den Rest der Welt, ...
Väter sind also nicht an sich eine erfahrbare und qualifizierbare Größe, sondern stellen sich unterschiedlich dar, je nachdem ob man sie selbst, ihre Frauen oder ihre Kinder fragt. Der Ort, an dem über das Schicksal und die Qualität der Väter entschieden wird, nennt sich Familie. Hier muß sich zeigen, ob Väter sich bewähren. Das Programm, das sich Familie nennt, ist aus meiner Sicht heute allerdings schwieriger geworden, als es früher noch war. Die Ansprüche an die Familie als Ort der allgemeinen Glückseligkeit, der Harmonie, der Energiequelle, des Ausgleichs und der allgemeinen Regeneration überfordern das gesamte Unternehmen schon im Ansatz.
Der Begriff Vater ist heute immer noch mythologisch besetzt und als solcher wirksam. Er symbolisiert Ausdauer, Stärke, Mut, Moral und Werte, Kampf für das Gerechte, Schutz vor den Gefahren des Lebens, Größe, Opferbereitschaft, Wahrung des Allgemeingutes. Aber dieser symbolisch wirksame Begriff ist nicht ohne seine Komplementärbegriffe denkbar. Der schützende Vater steht neben der sorgenden Mutter und den lieben, kleinen Kindern innerhalb einer glücklichen Familie. Wer den Begriff des Vaters und seine symbolische Bedeutung verstehen will, der muß ihn in den Kontext der modernen Familie stellen und dort entzaubern.
Ich schlage vor, verschiedene Väter-Formen je nach Zeitpunkt und dem Stand der familiären Beziehungen zu unterscheiden. Aus dieser Unterscheidung ergeben sich zugleich die Möglichkeiten und Grenzen einer Beratung von Vätern. Eine sehr grobe Unterscheidung ergibt dann mindestens 7 verschiedene Väter-Formen.
Es ist meine These, daß die Möglichkeiten und Grenzen, Ziele, Inhalte und erforderlichen Methoden der Beratung im wesentlichen dadurch bestimmt werden, zu welchem Zeitpunkt der familiären oder partnerschaftlichen Konflikte die Beratung einsetzt. Je nach Zeitpunkt und damit Art und Schwere der Konflikte, hat ein Vater eine hohe bzw. gute Motivation, sich durch Beratung Hilfe zu holen. Die Eigenmotivation halte ich für die Basis jeder Beratung und Therapie. Beratung ist auf die Lösung von meist aktuellen Problemen ausgerichtet, während Therapie sich auf einen Veränderungsprozeß bezieht, der sowohl psychodynamische, als auch familiendynamische Seiten hat. Sowohl Problemlösung, als auch Veränderung der eigenen Person und der familiären Beziehungen sind nur auf der Basis einer Eigenmotivation möglich. Gegen die Widerstände, die sozusagen zum Block gefrorenen Abwehrkräfte eines Menschen, kommen nur selten Veränderungen zustande.
Dabei sei nur am Rande erwähnt, daß ich die Unterscheidung zwischen Freiwilligkeit und Zwang zur Therapie für künstlich und gänzlich unpsychologisch halte. Aus meiner Sicht ist jede Therapie im Gegensatz zu einer Beratung eine Zwangstherapie, weil es immer Zwänge sind, die Menschen zu diesem Schritt veranlassen. Therapien setzen die zumindest partielle Kapitulation der Abwehrkräfte voraus oder gar die Einsicht in die Notwendigkeit einer Veränderung. Insofern entstehen Therapien immer aus einem Zwang. Mal wird der Zwang durch ein Leiden an sich selbst oder an den persönlichen Beziehungen hergestellt, manchmal zwingen einen Menschen die Entscheidungen anderer, sich therapeutische Hilfe zu holen. Nun einige kurze Anmerkungen zu den Väter-Formen im einzelnen.
Der Vater innerhalb familiärer Konflikte.
Solche familiären Konflikte können ganz unterschiedlich sein. Meist beziehen sie sich auf die Erziehung der Kinder, die Verteilung von Geld, Raum, Zeit oder Liebe in Familien, eine kindliche Symptomatik, wie massive Schulprobleme, Aggressivität oder Rückzug, ein Ablösungsproblem eines Jugendlichen aus der Familie oder auch die Umstellungsprobleme, die durch ein weiteres Kind erforderlich werden. Oftmals handelt es sich bei diesen Familienkrisen um sogenannte normative, d.h. Krisen im Zusammenhang mit normalen Veränderungsprozessen in der familiären Entwicklung. Bei all diesen Problemen sind Väter in ihrer väterlichen Sorge gefragt, sowohl gegenüber den Kindern, als auch zusammen mit den Müttern als Eltern. Die Beratung der Väter muß in diesem Zusammenhang meist in drei Richtungen erfolgen: erstens eine individuelle Beratung der Väter im Hinblick auf ihre beteiligten persönlichen Konflikte und Gefühle, Ambivalenzen und Widerstände, zweitens eine historische Ebene der Beratung als Aufarbeitung ihrer eigenen Kindheits- und Ursprungsfamilienerfahrungen, insbesondere die Erfahrungen mit dem eigenen Vater und drittens eine systemische Ebene der Beratung, in der die familiendynamischen Aspekte der Erziehungsfragen, der Ablösungsprobleme oder der kindlichen Symptome untersucht werden. Die Übergänge zwischen Beratung und Therapie halte ich hier für sehr fließend, weil die Lösungen der Probleme, die ursprünglich in die Beratung geführt haben, oftmals mit persönlichen Veränderungen in den Einstellungen, Haltungen oder Werten verbunden sind. Nach meinen Erfahrungen haben Väter eine ausreichende, gute oder gar hohe Motivation für solche Beratungen. Allerdings ist solch ein Klientel im Rahmen der Allgemeinen Sozialen Dienste eher selten, meist suchen solche Familien die Erziehungs- und Familienberatungsstellen auf.
Der Vater in partnerschaftlichen Konflikten.
Ich gebe zu, der Titel klingt kurios, aber ich meine ihn so, wie er da steht. Es geht dabei um partnerschaftliche Konflikte zum Thema Väterlichkeit. Dieses Thema hat sehr verschiedene Facetten. Die erste und offensichtlichste ist die, daß die Frau und Mutter der Kinder dem Vater vorwirft, er sei nicht ausreichend väterlich sorgend für die Kinder. Sie habe eine andere Vorstellung davon, wie er sich in den Konflikten um die Erziehung der Kinder oder an deren Versorgung und Förderung zu beteiligen habe. Obwohl es keine besonderen Auffälligkeiten bei den Kindern gibt, stellt sich diese Väterlichkeit für die Frau als ein besonderes Problem dar und wenn sie das so sieht, dann ist es auch ein Problem. Manchmal verbergen sich hinter diesen partnerschaftlichen Konflikten um die Väterlichkeit gänzlich andere, denen dann nachgegangen werden muß.
Manchmal handelt es sich dabei aber auch um Ansprüche der Frauen an eine väterliche Sorge durch die Männer. Sie wollen in den Männern nicht nur liebevolle Väter für ihre Kinder, sondern auch etwas väterliche, liebevolle Zuwendung und Sorge für sich. Dies ist durchaus legitim und schön, auch Männer haben sehr häufig solche Ansprüche an ihre Frauen, sie mögen mütterlich, nährend und sorgend sein. Diese Fähigkeit, sich in einer Partnerschaft auch mütterlich und väterlich sorgend zu verhalten, halte ich für besonders wichtig und wohl dem Paar, das um diese Ansprüche weiß und sie befriedigen kann.
Eine dritte, meist viel kompliziertere Variante der weiblichen Ansprüche an die Väter-Männer ist die der meist unbewußten Konflikte mit dem eigenen Vater, die erst dann wieder virulent werden, wenn der Partner zum Vater geworden ist. Die frühere Vater-Tochter-Beziehung der heutigen Frau und Mutter ist oftmals derart konflikthaft, daß die alten Konflikte erst in den neuen Beziehungen hochkommen, sich dort ausbreiten und zu unerträglichen Spannungen, Konflikten, Ansprüchen oder Gefühlen führen können.
Auf diese Weise ist der Vater in einer Familie nicht nur eine Person, sondern meist eine multiple Persönlichkeit. Er ist mehr oder weniger sorgender Vater seiner Kinder, er ist heutiger Vater seiner Frau als väterlich sorgender Partner und er ist zugleich symbolischer Repräsentant des alten Vaters seiner Frau. Je nachdem, mit welchen Konflikten diese verschiedenen Formen der Väterlichkeit behaftet sind, kann es schon zumindest zu erheblichen Mißverständnissen und Folgeproblemen führen. Wohl dem Vater, der bei diesen offenen und verdeckten Turbulenzen um seine Väterlichkeit mit sich selbst im Reinen ist. Aber wer ist das schon. Damit komme ich zu der dritten Form, dem Vater im Vater.
Der Vater im Vater
Für alle Väter ist diese Form der Väterlichkeit die schwierigste, komplizierteste, unangenehmste, widersprüchlichste und emotional am heftigsten besetzte Art der Väterlichkeit. Es geht dabei um nicht mehr und nicht weniger als den Mann, der für mich einmal die ganze Kindheit lang das große Vorbild war, bevor ich ihn selbst in meiner späten Jugend in einem unglaublichen Kraftakt vom Sockel stürzte, es geht um den Vater, der mich erzogen hat und mir vieles Nützliche und Nutzlose beibrachte, der mir eine besondere Form von Nähe zwischen Männern zeigte, für den ich als männliches Wesen so viele Gefühle hatte, wie nach ihm nur noch für meine Söhne und der bei aller Widersprüchlichkeit und Emotionalität zur inneren Vorlage und Folie für meine eigene Vaterschaft wurde. Wir alle haben uns als Söhne mehrfach in unserer Jugend vorgenommen, niemals so zu werden, wie unsere Väter und bestimmte Dinge auf jeden Fall anders zu tun, als diese und es ist eine Sternstunde der frühe Elternneurose, wenn wir als Männer und Väter das erste Mal feststellen, daß wir die damals abgelehnten Handlungen heute im gleichen Tonfall und mit der gleichen Mimik und Gestik unseren Kindern gegenüber wiederholen, wie es damals der eigene Vater tat. Es ist meine feste Überzeugung, daß Männer in Beratung oder Therapie anderer Männer und Väter hoffnungslos überfordert sind, wenn sie sich nicht vorher ausreichend mit ihrem leiblichen Vater und dessen inneren Bildern in sich auseinandergesetzt haben. Daran ändert auch keine Supervision der Welt etwas. Und wenn Väter es schaffen, die eigenen Väter nicht später zu ermorden, zu verteufeln oder sich auf gänzlich andere Weise von ihnen loszusagen, sondern diese Vaterbilder mit den eigenen Identitäten zu integrieren, dann haben sie die Voraussetzungen, zu guten Vätern zu werden. Von allen Ebenen der Beratung ist diese in bezug auf den Vater im Vater nach meiner Erfahrung die häufigste und wahrscheinlich auch wichtigste. Und hier brauchen solche Männer und Väter durchaus andere Männer und wenn es geht auch Väter, die mit ihnen ein Stück des Weges gehen, ihnen wenn man so will auch hier ein Vorbild oder gar ein identifikatorisches Gegenüber sind. Ich biete Männern in dieser Phase meistens auch Einzelgespräche an, auch wenn sich die Frau dabei ausgeschlossen fühlt. Ebenso wichtig, wie das Gespräch von Frau zu Frau über bestimmte Themen, ist auch hier das Gespräch von Mann zu Mann. Dabei geht es meist nur um die Darstellung der eigenen Sicht, ohne gleich kritisiert oder abgewertet zu werden, aber auch um Dinge, die sie sich nicht trauen ihren Frauen zu sagen, oder um Fragen der Intimität und Sexualität. Insbesondere Männer, die sich ihren Frauen unterlegen fühlen, die eine zu große Abhängigkeit zu ihnen empfinden, die nicht gewohnt sind, so über sich zu reden, nutzen das Angebot gerne. Manchmal entdecken diese Männer dann auch, daß sie so bislang nur mit ihrem Bruder oder auch ihrem Vater gesprochen haben, oder daß sie damit einer uralten Angst vor mütterlichem Tadel aus dem Weg gehen. Wenn sie das so für sich erkennen und in diesen Männer-Gesprächen sich öffnen können, geht es meist im nächsten Schritt darum, dies ihren Frauen zu sagen, wobei ich dann wieder Übersetzungshilfe leisten kann.
Der Vater im partnerschaftlichen und familiären Trennungsprozeß.
Die Trennung und Auflösung einer Familie ist kein synchroner Prozeß, in dem sich alle plötzlich darüber einig sind, sich zu trennen, so wie sie sich vorher darin einig waren, zusammen zu sein. Ich rede hier nicht von den Kindern. Kinder sind meist recht konservative Wesen, die am Erhalt des Status Quo einer Familie auch dann noch interessiert sind, selbst wenn sie geschlagen, unterversorgt oder gedemütigt werden oder die Familie als ganze am Rande der Erschöpfung ist. Ich meine die Ungleichzeitigkeit bei den Partnern selbst. Meist ist es einer der beiden Partner, der sich trennen will oder zumindest in der Trennung die einzig verbleibende Lebensmöglichkeit für sich sieht.
Die Emanzipationsbewegung der Frauen hat dazu geführt, daß sich Frauen klarer wurden über ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Toleranzen und Grenzen. Sie haben als erste die Geschlechterfrage thematisiert und uns als Männern und Vätern damit einiges voraus. Das wollen viele Männer noch nicht wahrhaben, aber es ist so. Männer haben beispielsweise Wissenschaft und Forschung immer so betrieben, als ob der zu erforschende Mensch immer männlich sei. Sie haben sich selbst zum Normalmenschen und dabei die Frauen als Norm-Abweichungen definiert. Jetzt gibt es für die Männer nur noch zwei Möglichkeiten: entweder sie entwickeln ebenfalls eine männer- und väterorientierte Perspektive, und machen sich damit mit allen Konsequenzen selbst zum Forschungsgegenstand, oder sie verharren patriarchalisch auf den bekannten Positionen und Warten auf die schon immer angekündigten Forschungsergebnisse aus Biologie und Medizin, die ihnen eine Minderwertigkeit des Weiblichen attestieren und ihnen damit nachträglich Absolution erteilen.
Neben der prinzipiellen Ungleichzeitigkeit der Trennungswünsche stehen inhaltlich die sogenannten Ambivalenzen im Mittelpunkt der Trennungsphase. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, daß Männer und Väter solche Ambivalenzen kaum aushalten können und wollen. Nachdem sie sie als typisch weiblich abqualifiziert haben, wären sie diese Ambivalenzen gerne los. Es ist ein emotional schwer belastender Schwebezustand, in dem sich solche Familien befinden und in denen die Kinder oftmals heftig mit Symptomen versuchen, von den elterlichen bzw. partnerschaftlichen Konflikten abzulenken, auf ihr Leiden hinweisen oder auch zu einer neuen systemischen Stabilisierung beitragen wollen. Wenn Männer diese unerträglichen Ambivalenzen schon nicht abschaffen können, wie sie es meist gern tun würden, dann beginnen sie häufig einen ebenso hoffnungslosen wie naiven Versuch, sie loszuwerden. Sie versuchen diese Phase auszusitzen in der Hoffnung, der Sturm legt sich und die Frau kommt irgendwann wieder zur Besinnung. Dennoch hat dies einen ernsten Kern, der darin besteht, daß Männer auch wirklich nicht so unzufrieden mit ihrer partnerschaftlichen und familiären Situation sind, wie es die Frauen empfinden. Eine dritte Lösung besteht dann manchmal darin, die Flucht nach vorn anzutreten und Eindeutigkeit und damit Univalenz einzufordern. Dann sagen die Männer irgendwann: „Ich habe die Schnauze voll. Dann machen wir eben Schluß, dann wars das ! Ich suche mir eine Wohnung.“ Wenn sie das noch offen sagen, ist viel gewonnen. Es ist mein Eindruck, daß sie diese Entscheidung eher für sich allein treffen und dann irgendwann handeln, sich aber nicht auf die Konflikte einlassen. Männliche Konfliktlösungsstrategien und ihr Umgang mit Gefühlen sind aber nicht geschlechtsspezifisch anders, sozusagen ein immerwährendes Mysterium männlicher Y-Chromosomen, sondern Ergebnis einer sogenannten geschlechtsspezifischen Sozialisation als Jungen und Männer. Sie werden für den rauhen Alltag, den Markt, die Eroberung, das harte Berufsleben, die letzte Schlacht oder den Kampf, der Leben heißt erzogen und dabei sind tiefe Gefühle zumeist vollkommen untauglich. Neulich fragte ein Mann in einer Paartherapie seine Frau: „Warum soll ich immer sagen, wie ich mich fühle ? Was bringt das ? Damit kommen wir doch kein Stück weiter ? Wir sind nun mal verschieden, so ist das. Entweder du findest dich endlich mal damit ab, oder es geht nicht mehr. Mit deinem ewigen Fragen nach Gefühlen machst du noch alles kaputt.“ Häufig werde ich in solchen Therapiesituationen an Loriots Weisheit erinnert, daß Männer und Frauen nun mal einfach nicht zueinander passen.
Das Ergebnis dieser Trennungsphase ist die Univalenz, also entweder die Entscheidung über die Beendigung von Partnerschaft oder Familie oder ein neuartiger Umgang miteinander. Ich glaube, daß ein solcher familienerhaltender Ausgang nur dann möglich ist, wenn die Männer sozusagen über sich hinauswachsen und sich in der Beziehung zu Frau und Kindern ändern. Wenn sie so bleiben wollen, wie sie sind, machen heutzutage viele Frauen das einfach nicht mehr mit. Diese Änderung bei Vätern und Männern bedeutet meistens, daß sie mehr in Kommunikation gehen, sich als Person mehr zeigen, dabei Gefühlen nicht mehr aus dem Weg gehen, ihren oftmals narzißtisch verhungerten Frauen wieder mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung geben und ihre Konfliktlösungsstrategien ändern. Man mag das als Anpassung des männlichen an das weibliche Lebensprinzip bezeichnen, manche empfinden das auch als Kapitulation, aber im Kern ist es psychologisch richtig. Das emotional und oft auch real überlastete Unternehmen Familie setzt eine solche persönliche Kommunikation, eine tägliche oder auch grundsätzliche Absprache voraus, und erfordert bestimmte Konfliktlösungsstrategien für alltägliche Anforderungen und Krisen. Wer dies nicht alles pflegt oder zumindest bereit ist, langsam zu entwickeln, der stagniert, verharrt in altbekannten Regelungen und Prinzipien und verliert langsam seine eigene Lebendigkeit. Wenn Männer die Familie genauso durchstrukturieren und regeln wollen, wie ihre Arbeitsplätze, der darf sich auch nicht wundern, wenn diese Familien dann genauso langweilig, lustlos und routinemäßig werden, wie die Jobs. Von der Arbeit kann man in Frühberentung gehen, und viele tun das innerlich schon Jahre vorher, aber in den Familien ist das mit der Frühberentung so eine schwierige Sache, wenn die Frau noch lebendig ist und die Kinder jung. Dann kann eine Liebesaffäre durchaus eine Weckfunktion für eingeschlafene Geister und Glieder haben und Frauen tun dies immer häufiger ohne schlechtes Gewissen. Manchmal hat eine solche Affäre auch durchaus eine vitalisierende Funktion für die Partnerschaft und das befürchtete Ende der Familie endet in einem neuen Honigmond.
Der Vater im Scheidungsprozeß.
Frauen gehen in die Beratung und Männer gehen zum Rechtsanwalt. Ist die Scheidung erst einmal beschlossene Sache, dann ziehen Männer das Ding durch, dann hält sie keiner mehr auf und jede noch so moralische Warnung, die Kinder in dem schmutzigen Spiel nicht zu funktionalisieren oder zu vernachlässigen wird auf dem Schlachtfeld der Scheidungskonflikte geopfert. Ich erlebe beide Partner in solchen Konflikten als manchmal wenig mütterlich oder väterlich sorgend. Beide sind fixiert auf ihre eigenen Interessen und Ziele, betreiben Überlebenskampf gegen den anderen und Männer oder Väter sind in solchen Phasen kaum noch zugänglich für andere Einsichten, offene Gefühle, Kompromisse oder weniger verletzende Konfliktlösungen. Für diese Phase scheint mir die Mediation eine gute methodische Möglichkeit der außergerichtlichen Konfliktregelung. Vater und Mutter lösen sich geschlechtlich auf, neutralisieren sich, und werden auch in den juristischen Regelungen folgerichtig als Streitparteien oder Antragsteller und Antragsgegner bezeichnet. Ein solcher Sprachgebrauch entspricht der Wirklichkeit eines gegeneinander gerichteten Ablösungsprozesses. Beratung für Männer wird hier nur selten gewünscht oder notwendig, beispielsweise wenn der Mann verlassen wird und seine Trauer verarbeiten möchte, oder wenn er das Gespräch als Korrektiv zu den Scheidungskonflikten braucht.
Der Vater in den Konflikten um Sorgerecht und Umgangsrecht.
Allein zu diesem Themenbereich könnte ich aufgrund meiner Arbeit als psychologischer Gutachter in strittigen Familiensachen in den letzten 10 Jahren lang mein Herz ausschütten. Ich bewundere immer wieder die zuständigen oder betroffenen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, die Familienrichterinnen und Familienrichter und auch die engagierten - weniger die konfliktorientierten - Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte für ihre psychisch belastende Arbeit in diesen Konflikten. Das neue Kindschaftsrecht halte ich in diesem Zusammenhang für eine grundsätzlich gute Sache, welche neuen Probleme allerdings damit verbunden sein werden, bleibt abzuwarten.
Bislang lag die Quote der Väter, die nach der Scheidung das gemeinsame Sorgerecht beantragt haben, lediglich bei 15-20%. Dies hat wiederum sehr viel mit dem berufsorientierten Selbstverständnis der Väter zu tun, die meinen, es sich aufgrund ihrer Berufstätigkeit schlicht nicht erlauben zu können, die elterliche Sorge auszuüben. Oftmals steckt dahinter aber auch eine Kapitulation vor der vermeintlichen weiblich-mütterlichen Macht. In besonders konflikthaften Fällen halte ich eine gemeinsame Sorge von Müttern und Vätern aber auch nicht für kindgerecht, wenn man dann den Kindern zumutet, im Minenfeld zwischen den immer noch kämpfenden elterlichen Parteien zu leben.
Aber es gibt auch viele ehrliche Väter, die der Meinung sind, die Kinder seien besser bei der Mutter aufgehoben und die von daher freiwillig auf ein Sorgerecht verzichten. Sie schätzen dann ihre Bedeutung als Väter recht gering ein und es könnte eine sinnvolle Aufgabe eines Beratungskonzeptes für Väter sein, diese eigene Geringschätzung als Vater zu hinterfragen. Wieviel hat dies mit der Sicht des eigenen Vaters zu tun, wieviel ist daran eine Loyalitätserklärung an die eigene Mutter, wieso beurteilen sie ihre bisherige Beziehung mit den Kindern so wenig bedeutsam, wie sehen sie sich überhaupt als Väter. Wichtig ist dabei, die Perspektive der Kinder einzunehmen und die Väter zu befragen, wie die Kinder ihr Verhalten wohl beurteilen.
Manchmal gibt es auch einen Tauschhandel, in dem ein Sorgerecht für eine großzügige Umgangsrechtsregelung abgegeben wird. Oftmals fehlt es den Vätern an der wirklichen Überzeugung, daß sie gut und wichtig für ihre Kinder sind. Dies trifft besonders zu, wenn die Kinder noch kleiner sind. Manchmal fühlen sie sich aber auch durch die Kinder gestört, wieder ein eigenes Leben aufzubauen und ich glaube, daß dies eine große Zahl der Männer anbelangt. Wenn sie die Kinder „im großen und ganzen“ bei den Müttern gut versorgt wissen, dann wenden sie sich gern neuen Ufern zu, d.h. suchen sich neue Frauen und gründen neue Familien. Wenn die Umgangskontakte einigermaßen gut verlaufen, dann reicht ihnen das an Väterlichkeit.
Ich muß zugeben, daß ich in solchen Familiensituationen oft an die Löwen erinnert werde. Sobald ein neuer Löwe ein Weibchen erobert hat, indem er den bisherigen Partner im Kampf vertrieben oder gar getötet hat, macht er der Löwin neue Junge. Auch wenn die Löwin noch keine Junge hatte, stellt sie mit dem Erscheinen des neuen Partners automatisch die hormonell gesteuerte Produktion von Milch ein und schüttet vermehrt Sexualhormone aus, die eine neue Schwangerschaft einleiten können, um dem neuen Mann wieder Junge zu gebären, obwohl die kleinen lebenden Jungen noch ihre Nahrung bräuchten. Dies ist ein Genegoismus, der allem Sozialdarwinismus widerspricht. Die Gene des einzelnen zählen, nicht die Arterhaltung. Und meist vervollständigt der neue Löwe sein Eroberungswerk, indem er die Jungen seines Vorgängers einfach tötet. Damit wir uns nicht mißverstehen, ich empfehle hier kein Modellverhalten für Stieffamilien.
Für den Umgang mit den gesamten Trennungs-, Scheidungs- und Nachscheidungskonflikten bedeutsam halte ich die Frage, ob die Eltern bereits neue Partner haben. Für Männer scheint der ungebundene Zustand ohne eine Frau viel schwerer erträglich, als für die meisten Frauen. Viele Frauen sagen manchmal noch nach Monaten oder einem Jahr und mehr, daß sie innerlich noch nicht wieder bereit und offen sind für eine neue Partnerschaft. Von einem Mann habe ich das noch nie gehört und wenn er noch nach Monaten keine neue Partnerin hatte, dann war dies sein größtes Problem. Wenn Männer eine neue Partnerin haben, dann können sie in den meisten Fällen besser mit den Kindern aus der vorherigen Beziehung umgehen und dann gestalten sich Sorgerechtsfragen und Umgangsrecht meist auch konfliktfreier. Eine Ausnahme sind solche Situationen, in denen zwischen der neuen Partnerin und der ehemaligen Kindesmutter heftige Konflikte sind, die die Kinder in Loyalitätskonflikte bringen. Aber damit bin ich schon bei der neuen Familie angelangt, den Vätern in Stieffamilien und ihren Kontakten zu ihren leiblichen Kindern, die zumeist bei den Müttern leben. Das sind dann neue Familien mit ganz eigenen Problemen. Ich will hier nur das Thema Grenzen und den Umgang mit der Familiengeschichte als neue Probleme benennen. Denn Stieffamilien haben trotz - oder vielleicht auch wegen - der vorherigen Erfahrungen der neuen Partner eine noch höhere Trennungsquote als die Erstbeziehungen. ( Auf die ausführliche Darstellung des Vaters in Stieffamilien möchte ich an dieser Stelle verzichten, denn dies habe ich an anderer Stelle getan, vergl. Band 1, Stieffamilien und Adoptionen)
Junge Väter in der Beratung
Junge Vaterschaft kann verschiedene Ursachen haben und jede dieser Ursachen oder Motive hat andere Folgen für eine Beratung junger Männer und Väter. Die erste ist eine ungewollte Schwangerschaft im Kontext jugendlicher Promiskuität. Natürlich kann auch hierbei ein psychologisches Motiv nicht ganz abgewiesen werden. Wenn jede Handlung einen Sinn macht, also in ihrer Bedeutung nicht als zufällig oder unerklärlich abgewehrt werden soll, dann ist auch eine ungewollte Schwangerschaft das Ergebnis einer sinnvollen Handlung. Freud hat sich in seiner „Psychopathologie des Alltagslebens“ ausführlich mit der psychischen Unzufälligkeit von Fehlleistungen beschäftigt, wie Vergessen, Fallenlassen, Versprechen etc. Wenn also eine Verhütung vergessen wird, obwohl es sich bei beiden Geschlechtspartnern um aufgeklärte Menschen handelt, dann können unbewusste Motive nicht ganz abgewiesen werden.
Junge Vaterschaft kann ein Korrekturversuch sein. Jonathan Frantzen hat diesen intergenerationellen Bindungsmodus sehr schön in seinem Buch „Die Korrekturen“ beschrieben. Jede nachfolgende Generation versucht die Fehler der vorhergehenden zu korrigieren. Mit den Fehlern sind natürlich diejenigen Handlungen oder Einstellungen gemeint, die nicht als Identifikationsanteile in die eigene Identität bzw. das eigene Leben integriert werden können oder sollen. Korrekturen impliziert aber auch eine Korrektur an der eigenen Kindheit durch die Erziehung der eigenen Kinder.
Junge Vaterschaft kann aber auch einfach nur als Abgrenzung vom eigenen Elternhaus gemeint sein. Die erste Frage, die sich hierbei stellt ist, ob eine solche notwendige Abgrenzung nicht anders als durch eine frühe Elternschaft erreicht werden kann. Warum sind andere Wege blockiert und vor allem: wieso kann Abgrenzung nur durch Elternschaft zugelassen werden ? Damit wird dem Status der Elternschaft eine besondere Bedeutung zugewiesen, der mit Erwachsensein, Eigenständigkeit, Anerkennung oder intergenerationeller Abgrenzung verbunden wird.
Junge Vaterschaft kann auch als eine Fortsetzung einer Konkurrenz zum eigenen Vater verstanden werden. Die Botschaft könnte lauten: Jetzt bin ich selbst ein Vater und du Vater kannst mir nichts mehr sagen. Jetzt werde ich dir zeigen, wie ein richtiger Vater zu seinen Kindern und zu seiner Frau sein kann, denn du warst ein schlechter Vater.
In der jungen Vaterschaft kann auch ein Versuch der Wiedergutmachung der eigenen Kindheitserfahrungen enthalten sein. Mit den eigenen Kindern ergibt sich immer auch die Möglichkeit, selber Kindheit noch einmal mitzuerleben, kindliche Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen, ein wenig Regression nachzuholen auf ganz legitime Weise.
Menschen mit Selbstwertproblemen oder gar narzißtischen Störungen sind stets auf der Suche nach Möglichkeiten der narzisstischen Zufuhr, um ihr inneres Mangelerleben zu kompensieren. Vaterschaft kann auch als ein Versuch der eigenen narzisstischen Aufwertung verstanden werden. Ein Vater ist bedeutsamer, zeigt sich verantwortlich, kann eine Familie ernähren, sorgt für die Familie.
Junge Vaterschaft kann sowohl Ausdruck einer fortwährenden Bindung an die eigene Ursprungsfamilie sein, als auch ein Ausdruck einer Delegation. Delegation bedeutet, mit einem Auftrag ausgesandt zu sein, der aus der Familie und ihrer Geschichte herkommt. Wenn eine solche Delegation mit einer Vaterschaft verbunden wird, dann kann der Auftrag nur als Vater erfüllt werden, bezieht sich also auf seine Kinder oder im weiteren Sinne auf seine Familie. Dies wiederum kann unterschiedliche Hintergründe haben.
Jede dieser o.a. Formen der jungen Vaterschaft hat unterschiedliche Hintergründe und Motive, die sich auf die Möglichkeiten und Grenzen einer Beratung junger Väter auswirken. Häufig sind es Mischformen, die im Kern auf eine nicht gelungene Ablösung vom eigenen Elternhaus und den damit verbundenen Versuch zurückzuführen sind, eine junge Vaterschaft als Ausdruck gelungener Ablösung verstehen zu wollen. Dies alles verweist auf eine notwendige Mehrgenerationenperspektive in der Beratung, zu der auch manchmal durchaus die Großeltern hinzugezogen werden sollten.
Grundsätzlich sollte in der Beratung junger Väter und Mütter die Bedeutung der jungen Elternschaft für die Ursprungsfamilien thematisiert werden. Welche symbolische Bedeutung hat die junge Elternschaft in Beziehung zu den eigenen Eltern, was ist ihre Botschaft an die Ursprungsfamilien der jungen Eltern ? Nur hierdurch kann ein umfassendes Verstehen der jungen Eltern erreicht werden und dies wiederum ist eine zentrale Voraussetzung für ihre Beratung, vor allem dann, wenn mit der jungen Elternschaft auch ein mögliches Entwicklungsrisiko für die betroffenen Kindern verbunden sein könnte.
Gestatten sie mir noch einige abschließende Bemerkungen. Für die meisten Männer und Väter ist der Schritt in die Beratung mit einer Art innerer Kapitulation verbunden, d.h. das Anerkennen, daß sie allein die Sache nicht mehr im Griff haben. Dies ist äußerst schwer für junge Väter und narzisstisch gekränkte oder bedürftige Väter. Besonders schwer ist es auch dann, wenn sie damit das Steuer für ihr Schiff Familie in weibliche Beratungshände legen müssen und damit anerkennen müssen, daß sie als Mann und Vater es nicht geschafft haben, konfliktfrei und harmonisch ihre Familienangelegenheiten zu lösen. Nicht weniger schwer bzw. auf eine andere Weise schwer ist es aber, sich von einem anderen Mann beraten zu lassen. Dies impliziert eine besondere Art der Kränkung, die sie bei Frauen nicht unbedingt erleben müssen. Während sie sich bei Frauen darauf zurückziehen können, daß sie das eben alles anders erleben, sind die Männer ihnen näher und damit auch bedrohlicher. Wenn ein anderer Mann weiß, wo es lang geht und wie die Probleme zu lösen sind, dann haben sie schlicht den kürzeren gezogen. Es ist ein Akt der Unterordnung eines Mannes unter die Herrschaft eines anderen in der Beratung, eine ganz besondere Form der Kastration, eine selbstauferlegte Unterwerfung als Voraussetzung für Veränderung. Dies kann nur gelingen, wenn der Beratungsmann kein bedrohliches Gegenüber darstellt, sondern auf der Grundlage von Respekt sich selbst als Identifikationsobjekt auf Zeit anbietet. Dies bedeutet für die Männer und Väter, die Beratung durchführen, daß sie von einem tiefen Respekt getragen sein müssen für die bisherigen Handlungs- und Sichtweisen des Vaters, und ihm damit ermöglichen, sich überhaupt für eigene Infragestellungen zu öffnen. Wer dies ignoriert, provoziert Widerstände im beratungssuchenden Vater, die sich soweit steigern können, daß sie von der Beratung ganz fernbleiben.
Was bewegt Männer und Väter, andere Männer und Väter zu beraten oder beraten zu wollen? Eine Erklärung könnte eine rein philantropische sein. Männer und Väter sind auch Menschen und sollten daher beraten werden. Eine zweite Erklärung könnte darin liegen, daß solche Beratungsmänner einen besonderen Bedarf sehen. Viele Klienten müssen da abgeholt werden, wo sie sind und manchmal muß man ihnen dazu lange entgegengehen. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, einen Bedarf zu schaffen, auf daß sich der Grad der Unentbehrlichkeit der Menschen von professioneller Hilfe vergrößere. Eine vierte Möglichkeit sehe ich darin, sich im Klienten selbst zu helfen, also auf dem Wege der Projektion hart an der Selbsterkenntnis zu arbeiten. Eine fünfte Möglichkeit ist vielleicht der Aspekt der Ersatzhandlung: indem ich Väter berate, werde ich zum eigentlichen Vater vieler Familien. Dies impliziert durchaus auch einen narzißtischen Gewinn. Eine sechste Möglichkeit besteht darin, damit besser und toller zu sein, als der eigene Vater es je war. „Ich berate heute so viele Familien und dabei auch andere Männer und Väter und du Alter hast es noch nicht mal mit einer geschafft.“ Dies wirft die Frage nach dem Vater-Bild der Berater auf. Und damit schließt sich der Kreis.