Bericht über eine Familienberatung / Ein Leitfaden für Familienberichte

Die Teilnehmer/-innen des Studienschwerpunktes Familienberatung sollen sich bei der Abfassung des anzufertigenden Familienberichtes an dem folgenden Leitfaden orientieren. Falls zu bestimmten Punkten des Leitfadens keine Angaben gemacht werden können, so ist dies in Ordnung, dennoch sollten die gesammelten Daten - meist auf der Basis der Sitzungsprotokolle - in dieser systematischen Weise diagnostisch bearbeitet werden.

Wichtig ist dabei, unbedingt auf den Datenschutz zu achten, d.h. keine Originalnamen und Originaldaten zu verwenden und auch ansonsten keine realen Angaben zu machen. Alle Angaben müssen so geändert werden, daß sie unkenntlich sind. Dies kann am besten durch Phantasienamen oder Verfremdungen erreicht werden.

Für die Darstellung der Strukturen und Beziehungen in der behandelten Familie eignet sich am besten eine Graphik, ähnlich der eines Genogramms.

Wichtiger Hinweis: Eine umfassende Bearbeitung aller Fragen ist unmöglich. Der Leitfaden soll eher im Sinne eines Maximalkatalogs Anregungen und Hinweise für weitere mögliche diagnostische Fragen geben, ist aber keinesfalls wie eine Checkliste zu behandeln. Jede/r Bearbeiter/in sollte dennoch versuchen, möglichst viele Fragen des Leitfadens zu beantworten und damit eine Annäherung an die Komplexität der familiären Wirklichkeit zu erreichen.

  1. Allgemeine Angaben

    1. Name des/der Teilnehmer/-in;
    2. Adresse und Telefonnummer;
    3. Adresse und Telefonnummer des Arbeitsortes;
    4. Wer hat den Kontakt aufgenommen?
    5. Kam die Familie freiwillig oder auf Anraten anderer?
    6. Was war der Anlaß des Kontaktes?
    7. Wer hat das Kontaktgespräch geführt?
  2. Angaben zur Familie

    Name, Alter, Beruf bzw. Tätigkeit der Familienmitglieder.
    Am besten in Form einer Graphik mit dazugehörigen Koordinaten. Bitte aus Datenschutzgründen die Namen ändern!
    Bei den Angaben zur Familie bitte vorherige Ehen, Scheidungen, wichtige andere innerfamiliäre oder auch außerfamiliäre Bezugspersonen benennen, nicht-eheliche Kinder usw. An dieser Stelle sollten die sogenannten Daten und Fakten der Familie aufgeführt werden.

  3. Präsentiertes Problem und bisherige Behandlungsgeschichte

    Was ist das derzeitige Problem der Familie aus der Sicht

    1. der einzelnen Familienmitglieder
    2. der Familie als ganzer.

    Wer ist oder hat das Problem? Wer sagt dies? Worin zeigt sich das Problem? Bitte lassen Sie sich das Problem an dieser Stelle genau beschreiben und lassen Sie es sich nicht erklären. Welche Versuche sind bislang in der Familie unternommen worden, das Problem zu behandeln bzw. zu beseitigen (hier die bisherigen Problemlösungsversuche anführen). Mit welchem Erfolg oder Mißerfolg sind diese Versuche unternommen worden? Welche anderen Probleme bzw. Symptome hat es bislang in der Familie oder bei einem Familienmitglied gegeben? Wichtig: sinnvoller als eine Einordnung in diagnostische Kategorien wie Depression, Psychosomatik, Sucht oder Psychose ist eine Beschreibung der präsentierten Problematik/Symptomatik.

    Beispiel:

    „Der Sohn Max zeigt seit 2 Jahren immer stärkere Verhaltensauffälligkeiten wie z.B. motorische Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Aggressionen, Schwierigkeiten im Sozialverhalten u.ä. Weder das Reden der Mutter mit dem Jungen, noch das Prügeln des Vaters und auch keine eineinhalbjährige Spieltherapie in einer Erziehungsberatungsstelle hatten sichtbare Erfolge erzielen können. Im Gegenteil, das Verhalten ist nach einem Umzug vor einem Jahr und der Geburt eines weiteren Kindes nur noch schlimmer geworden. Auf dringendes Anraten der Klassenlehrerin sucht die Mutter mit dem Sohn zusammen die Beratungsstelle auf.“
    Im Anschluß an die genaue Beschreibung des präsentierten Problems soll eine Kurzdarstellung der bisherigen Behandlungsgeschichte erfolgen. Am besten mit stichwortartigen Angaben zu den jeweiligen einzelnen Sitzungen (Auszüge aus den Sitzungsprotokollen). Bei der Darstellung der bisherigen Behandlungsgeschichte sind unterschiedliche Ebenen zu beachten: (vgl. dazu die Materialien für die Praxis „Erstinterviews in der Familienbehandlung“ in Band 1)

    1. Wer war bei der Sitzung anwesend?
    2. Was war das Oberthema der Sitzung?
    3. In welcher Atmosphäre bzw. welchem emotionalen Klima hat die Sitzung stattgefunden?
    4. Welche Hauptinterventionen wurden von seiten des Beraters durchgeführt?
  4. Problemdefinition

    Im Unterschied zum präsentierten Problem geht es hierbei um die Sicht der Hintergründe bzw. „der Ursachen“ der präsentierten Probleme. Welche Antworten geben die folgenden Personen auf die Frage: „Wie kommt es Ihrer Meinung nach zu den von Ihnen beschriebenen Problemen?“

    1. aus der Sicht der einzelnen Familienmitglieder,
    2. aus der Sicht der Familie als ganzer,
    3. aus der Sicht des Beraters,
    4. aus der Sicht anderer wichtiger Personen (Lehrer, Verwandte, Bekannte, Freunde usw).

    Die Probleme einer Familie sind meist mehrdimensional und nicht gebunden an die jeweilige Symptomatik. Dies bedeutet, daß zusammen mit finanziellen Schwierigkeiten Wohnungsprobleme, Schulschwierigkeiten des Kindes, depressive Verstimmungen der Mutter, eine Alkoholproblematik des Vaters und eine sich zuspitzende Ehekrise vorhanden sein können.

  5. Hypothesenbildung auf der Grundlage diagnostischer Analysen

    1. Symptomanalyse

      Auf der Basis der Systemtheorie gehen wir in der Familienbehandlung davon aus, daß das Symptom bzw. das präsentierte Problem lediglich Ausdruck einer Störung im Gesamtsystem der Familie ist: nicht das Problem ist das Problem, sondern das Problem ist Ausdruck eines Problems bzw. ein Hinweis auf ein solches. Ähnlich wie in der Psychoanalyse, wo die jeweilige Symptomatik als ein Ausdruck darunterliegender, unbewußter, ungelöster Konflikte angesehen wird, versteht die Systemtheorie das jeweilige Symptom als Ausdruck einer Störung oder einer Dysfunktionalität des Gesamtsystems. So kann z.B. die besondere Aggressivität des Sohnes in Beziehung zur aggressiven Hemmung des Vaters stehen; kann die Magersucht der Tochter ein Zeichen für Verstrickung, Rigidität, Konfliktvermeidung, Harmonisierung im Familiensystem sein; oder kann die Dissozialität des Jugendlichen einen Hinweis auf zu hohe Geschlossenheit und Rigidität der Regeln des Familiensystems enthalten. Was wird also mit dem Symptom für den Status bzw. die Entwicklungsprozesse der Familie ausgedrückt? Was ist der Gewinn bzw. der Verlust für den Symptomträger dabei? (Sekundärer Krankheitsgewinn)

      Beispiel:

      Positive Symptominterpretation: Jürgen trennt sich durch seinen Drogenkonsum radikal von der einengenden Lebensführung seiner Eltern. Die Schwester kann weiterhin die Rolle der guten Tochter behalten, obwohl sie in der Schule nachgelassen hat. Die Eltern sind gezwungen, sich ihr eigenes Suchtverhalten näher vor Augen zu führen.

      Negative Symtominterpretation: Jürgen begibt sich aus der Abhängigkeit von den Eltern in die Abhängigkeit von Drogen, Dealern usw und wird nicht selbständig. Die Schwester kann in dieser Zeit nicht ihre eigene Loslösung vom Elternhaus beginnen. Die Eltern können beide nicht loslassen und sich neu mit ihrer ehelichen Beziehung auseinandersetzen.

      Bei der Symptomanalyse geht es also um die Bedeutung des Symptoms für den identifizierten Patienten, für die restlichen Familienmitglieder, für das Gleichgewicht im System usw.. Wichtig zu beachten: positive und negative Symptombedeutung sind zu unterscheiden. Was würde passieren, wenn das Symptom nicht da wäre? Anders gefragt: Welches Problem oder Symptom hätte die Familie bei welchem Familienmitglied eventuell als nächstes oder stellvertretend für das jetzige?

    2. Systemanalyse

      Hier geht es um die Struktur des Systems (offen, eher geschlossen, rigide, klar, unklar u.ä.) und um die Grenzen innerhalb des Systems. Man kann fünf Formen von Grenzen unterscheiden:

      1. Innerpsychische Grenzen zwischen Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Handeln ...;
      2. Interpersonale Grenzen, also Grenzen zwischen den Menschen;
      3. Subsystemale Grenzen, also zwischen Eltern, Kindern, Töchtern, Brüdern, Männern, Frauen oder das eheliche, das elterlich, das geschwisterliche Subsystem;
      4. Generationengrenzen zwischen den Großeltern, Eltern, Kindern, Enkelkindern;
      5. Systemgrenzen, also die Grenzen zwischen dem System Familie und den sie umgebenden Systemen anderer Familien, der Arbeit, Umwelt, Freizeit.

      Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Koalitionen, vor allem, wenn sie systemübergreifend oder generationenübergreifend sind. Eine ganz besondere Bedeutung für eine Systemanalyse haben auch Triaden, weil Dreierbeziehungen für Koalitionen, Entwicklungen und Veränderungen, Konfliktumleitungen, Triangulationen usw wichtig sind. Triaden sind z.B. Großmutter-Mutter-Tochter, Großvater-Vater-Sohn, Vater-Sohn-Sohn, Mutter-Tochter-Tochter, Vater-Mutter-Sohn oder die 3 Brüder, 3 Geschwister, 2 Kinder und ein Elternteil, beide Großeltern und ein Enkelkind usw usf. Je mehr Menschen zu einer Familie zählen, desto mehr Triaden sind denkbar und real vorhanden.

      Beispiel:

      Familie B. hat sich als Einelternfamilie mit diffusen Grenzen organisiert. Jan schläft mit seiner Mutter in einem Bett, Frau B. bildet mit ihm eine starke Koalition gegen ihren Ex-Ehemann. Die Tochter Marianne ist isoliert. Sie unternimmt kaum etwas mit ihrer Mutter und spielt selten mit Jan. Da sie ihren Vater häufig besucht, ist sie gut über die finanziellen Streitereien der Eltern informiert und vertritt bei Gesprächen mit der Mutter den Vater. Die Mutter von Frau B. hat einen Schlüssel für die Wohnung der Familie und kommt häufig unangemeldet und unerwünscht zu Besuch. Die Großmutter hat ebensoviel Einfluß auf das Leben der Familie wie Frau B. und die beiden Kinder.

    3. Kommunikationsanalyse

      Wie kommunizieren die Familienmitglieder untereinander, verbal wie non-verbal; worüber und wie streiten sie sich, was machen sie gemeinsam, was und wie getrennt, was läuft offen, was verdeckt, wer klagt an, wer intellektualisiert, wer beschwichtigt, wer irrationalisiert, wer erklärt sich oder andere für irrelevant und zieht sich damit heraus? Was ist die vorherrschende Kommunikationsform innerhalb der Familie?

      Beispiel:

      Während der Behandlungssitzungen sprechen sich die Familienmitglieder nicht mit Namen an. Sie schauen sich nicht an, während sie miteinander reden. Sie reden nicht in der Ich-Form, sondern meist als `man`. Sie vermeiden dabei auf jeden Fall, Gefühle direkt anzusprechen. Die non-verbale Kommunikation ist dafür umso heftiger und widerspricht meist dem Gesagten. Auf den Widerspruch hin angesprochen wird wiederum harmonisierend verleugnet: `Nein, ich weiß gar nicht, was Sie meinen. Es ist doch alles in Ordnung. Uns geht es doch gut, andern gehts doch noch viel schlechter, man soll sich ja nicht beklagen.

    4. Analyse der Regeln

      In der Systemtheorie gehen wir davon aus, daß die Regeln - sowohl die verdeckten, als auch die offenen - den Umgang, die Beziehungen, die Strukturen und insbesondere die Wege der Konfliktlösung regeln.

      Welche Regeln gibt es in dieser Familie für den Umgang miteinander? Welche Regeln gibt es für die einzelnen, welche für die Familie als ganze? Welche Regeln widersprechen sich? Gibt es Regeln, die für den einen gelten und für den anderen nicht? Welche Regeln gibt es insbesondere für Konfliktlösungen bzw. allgemein für den Umgang mit Konflikten? Was sind harte Regeln und was weiche? Wer hat die meisten Regeln aufgestellt und wer bricht meist welche Regeln? Welche Regeln sind offen, welche sind verdeckt? Wozu und wem dienen welche Regeln? Welche Regeln spielen in bezug auf die Symptomatik eine besonders wichtige Rolle? Wie verhält sich der Symptomträger zu den Spielregeln des Umgangs miteinander? Welche Spielregeln bricht er bzw. hat er gebrochen?

      Beispiel:

      • Was sich liebt, das neckt sich.
      • Wer sich liebt, der streitet sich nicht.
      • Wer sich streitet, der liebt sich nicht.
      • Wie du mir, so ich dir.
      • Man trennt sich grundsätzlich nicht. Tut man es doch, so passiert etwas Fürchterliches.
      • Frauen machen den Haushalt.
      • Männer gehen arbeiten.
      • Gefühle, insbesondere positive, sollten nicht angesprochen werden.
      • Sexualität ist etwas schmutziges.
      • Zuviel Nähe ist bedrohlich.
      • Wer wirklich liebt, der kann dem anderen die Wünsche von den Augen ablesen. Wenn du also meine Wünsche und Erwartungen nicht erahnst, dann zeigt dies nur, daß du mich nicht wirklich liebst.
      • Je mehr man hat, desto mehr ist man.
    5. Analyse des moralischen bzw. ethischen Systems der Familie

      Welche Grundeinstellungen bestehen innerhalb der Familie über die Fragen von richtig und falsch, gut und böse, sinnvoll und sinnlos, wertvoll und wertlos, wichtig und unwichtig, erstrebenswert und nicht erstrebenswert usw? Was sind die ausgesprochenen und was die unausgesprochenen Werte der Familie? Gibt es davon besondere, die man als unumstößliche Grundwerte ansehen kann? Welche Meinungen gibt es über die Frage, wie man sich verhalten muß, wonach man streben sollte, was bedeutsam ist im Leben? Welche Mythen bestehen innerhalb der Familie?

      Beispiel:

      Herr W. ist fest davon überzeugt, daß Frauen nicht so intelligent sein können wie Männer und daß im Leben Intelligenz und Leistung das Wichtigste sind. Frau W. ist mit der Einstellung groß geworden, daß sich die Frau dem Mann unterordnen muß. Diese Grundeinstellung wird in dem Mythos der Familie deutlich, daß es ausschließlich Herrn W. zu verdanken sei, daß die Familie ein eigenes Haus besitzt.

    6. Musteranalyse

      Haben sich während der Beratung stets wiederkehrende Muster der Kommunikation oder des Verhaltens eingestellt? (Zu spät kommen; Termine vergessen; der Vater ist mal dabei, mal nicht; wenn jemand bestimmtes aus der Familie dabei ist, dann wird ein Thema bevorzugt besprochen oder eins vermieden; manche Sitzungen waren von einer besonderen Atmosphäre gekennzeichnet ). Gab es in den ersten drei Sitzungen ein anderes Muster als in den darauffolgenden drei Sitzungen (die Zahl der Sitzungen ist beliebig veränderbar)?

      Beispiel:

      Familie M. kam jedesmal pünktlich. Jede Sitzung begann mit Kritik an den Beratern/-rinnen. Am Ende der ersten 5 Sitzungen versuchten die Kinder regelmäßig den Aufenthalt zu verlängern. Die Eltern hinderten sie nicht daran. Ab der 7 Sitzung wechselte die Familienatmosphäre häufig zwischen Hoch- und Krisenstimmungen. Ab der 15 Sitzung ließen die Krisen nach. In der Endphase hatte die Familie Schwierigkeiten, sich von den Beratern zu verabschieden, die Kinder diesmal weniger als die Eltern.

    7. Wachstums- und Gesundheitsanalyse

      Was sind die positiven, gesunden Anteile der Familie? Über welche besonderen Fähigkeiten verfügt sie, einzeln und als ganze? Was kann sie besonders gut? Wie hat die Familie es bislang geschafft, in Krisen zu leben bzw. Krisen zu bewältigen? Auch der Beratungswunsch muß nicht nur als Ausdruck eines Leidenszustandes, eines Defizits oder einer Dysfunktionalität interpretiert werden, sondern stets auch als ein positiver Ausdruck eines gemeinsamen Wunsches nach Veränderung und Wachstum und Weiterentwicklung. Außerdem: Welche Möglichkeiten hatten die Familienmitglieder gefunden, Unterschiedlichkeit, Unabhängigkeit, Selbstbehauptung, Selbstverantwortlichkeit, Einfühlungsvermögen und Einzigartigkeit des Individuums auszudrücken?

      Beispiel:

      Ein Teil der enormen Streitereien in der Familie P. ist durch den Umstand bedingt, daß jeder gelernt hat, sich in seiner Unabhängigkeit den anderen gegenüber zu behaupten. Besonders Paul macht durch sein Verhalten deutlich, daß er einen anderen Lebensstil anstrebt als seine Eltern. Seine Möglichkeiten der Selbstbehauptung stehen dabei in krassem Widerspruch zu Gerlindes Einfühlungsvermögen, mit welchem sie am stärksten den Teil in der Familie vertritt, der ohne sie in der Familie zu kurz kommen könnte. Da beide Eltern in der Beratung bereit waren, in der Konfrontation mit Paul auch die Möglichkeit von Selbständigkeit in anderen Lebensformen zu akzeptieren und andererseits ebenso Gerlindes Fähigkeit, sich in die Situation anderer hineinzuversetzen, schätzen konnten, werden sie möglicherweise zukünftig auch mit eigenen, gegenseitig unterschiedlichen Ansichten weniger destruktiv umgehen können.

  6. Behandlungsziele

    Mit welchen Zielen ist die Familie in die Behandlung gekommen? Welche Ziele hatten die einzelnen Familienmitglieder für die Behandlung? Welche Ziele habe ich als Berater/in in der Behandlung verfolgt? Wie unterscheiden sich Nah-, Mittel- und Fernziele voneinander? Welche Ziele habe ich für die äußeren, materiellen, sozialen usw Lebensbedingungen der Familie gehabt, welche pädagogischen und psychologischen Ziele habe ich für die Familie verfolgt? Welche unterschiedlichen Zielvorstellungen gab es innerhalb der Familie und welche Unterschiede gab es zwischen mir und der Familie?

    Beispiel:

    Mit meinen rechtlichen Zielen wollte ich eine materielle Absicherung der Familie wiederherstellen. Mit meinen Interventionen wollte ich einen drohenden Schulausschluß des Sohnes verhindern. Eins meiner Ziele war die Stärkung des elterlichen Systems gegenüber den Großeltern und den Kindern. Mein Ziel ist die Individuation von Frau M.. Mein Ziel ist die Veränderung der Kommunikationsform innerhalb der Familie, so daß sie kongruenter wird, d.h. Gesagtes und Gefühltes eher übereinstimmen, Verbales und Non-verbales sich nicht widersprechen, daß Gefühle angesprochen werden und `man` lernt, in der Ich-Form zu sprechen. Mein Ziel war es, den Eltern dazu zu verhelfen, sich offen und klar streiten zu können, ohne extreme Trennungsängste entwickeln zu müssen und damit eine neue Art der Konfliktlösungsstrategie zu üben und zu erlernen. Mein Ziel war die Auflösung von Koalitionen. Mein Ziel war es, die notwendige Trauerarbeit über den Partnerverlust zu unterstützen. Mein Ziel war eine größere Öffnung des familiären Systems...

  7. Behandlungskonzept

    An dieser Stelle ist zunächst danach gefragt, wie die Behandlungsziele in Interventionen umgesetzt wurden.

    Beispiel:

    Ich überließ der Familie die Wahl des Themas für jede Sitzung, arbeitete jedoch an dem von mir vorher festgesetzten Fokus. Wenn die Familie Beispiel:sweise über Schularbeiten sprechen wollte, ich mich jedoch vorher für den Fokus `Elternbeziehung` entschieden hatte, ließ ich die beiden Eltern vorher darüber eine Einigung erzielen, wie sie ihre Kinder dazu bringen wollen, die Schularbeiten anzufertigen. Weiterhin arbeitete ich mit strukturellen Veränderungen in der Sitzung (Sitzordnung), formulierte inhaltliche Themen in Gefühlsthemen um (z.B. Dienstreisen des Vaters in Alleinsein und vermißte Unterstützung) und arbeitete mit positiven Umdeutungen. Ich gab der Familie Hausaufgaben, die ich zu Beginn jeder Stunde abfragte. Im emotionalen Bereich half ich vorwiegend den beiden Eltern dabei, die seit Jahren unterdrückte Traurigkeit zu zeigen. Hierbei gelang es mir leider nicht, Verlusterlebnisse aus den beiden Ursprungsfamilien hinreichend aufzuarbeiten.

    Aus sozialpädagogischer Sicht ist oft die Mehrdimensionalität eines Behandlungskonzeptes von Bedeutung. Das heißt, daß nicht nur psychologische Dimensionen wichtig sind, sondern daneben oder sogar übergeordnet finanzielle, rechtliche, soziale, ökonomische oder pädagogische Fragen von Bedeutung sind. Wichtig ist bei der Planung eines Behandlungskonzeptes, diese unterschiedlichen Ebenen zu beachten und sie so zeitlich und konzeptionell aufeinander abzustimmen, daß sie zu einer optimalen Beratung der Familie führen, ohne die Familie in ihren Ressourcen zu überfordern, was leicht durch eine Gleichzeitigkeit mehrerer Beratungsebenen entstehen kann. Es empfiehlt sich eine möglichst konkrete und praxisnahe Planung der ersten 10 Schritte einer angestrebten Behandlung.

    Beispiel:

    1. Schritt: Einladung zu einem gemeinsamen Familiengespräch.
    2. Schritt: Telefongespräch mit der Lehrerin des Sohnes zur Information, daß familienberatende Sitzungen stattfinden werden mit der Bitte um Aufschub eskalierender Maßnahmen in der Schule.
    3. Schritt: Unterstützung der Ehefrau bei den rechtlich notwendigen Maßnahmen wie der Beantragung von Hilfen zum Lebensunterhalt, des Wohngeldes u.ä.
    4. Schritt: Durchführung eines ersten Familiengesprächs vorrangig mit dem Ziel, daß ein zweites und weiterfolgende möglich sind. Stichworte: Kontakt, Kontrakt, Motivation, Hilfsangebote konkreter Art.
    5. Schritt: Analyse der Symtomatik und Problematik in der zweiten gemeinsamen Familiensitzung aus der Sicht aller Familienmitglieder einzeln nach der Methode der zirkulären Befragung.
    6. Schritt: In der dritten gemeinsamen Sitzung Arbeit an den Strukturen, Grenzen und Rollenverteilungen innerhalb der Familie durch Besprechen der täglichen und wöchentlichen Funktionsabläufe innerhalb der Familie.
    7. Schritt: Skulpturarbeit zur Vertiefung der Strukturarbeit der letzten Sitzung und zu Verdeutlichung der Beziehungen und ihrer Dynamik in der Familie.
    8. Schritt: Arbeit vorrangig mit den Kindern an der Familiensituation. Stichworte: wenn du ein Zauberer wärst und in dieser Familie 3 Mal zaubern dürftest, was würdest du zaubern?
    9. Schritt: Arbeit mit dem elterlichen Subsystem in Gegenwart der Kinder und in Fortsetzung der letzten Sitzung.
    10. Schritt: Auswertung der bisherigen Arbeit innerhalb der Familie auf dem Hintergrund der Ziele, Erwartungen, Veränderungswünsche und der Symptomatik. Absprache über die eventuelle weitere Arbeit bzw. über die weitere Zukunft der Familie (präventive Krisenbewältigung).

    Die geschilderten Stichworte für die Arbeit in den 10 Schritten sind im wesentlichen auf eine Familie bezogen, die nicht über klare Strukturen, über mangelhaft ausgebildete Grenzen innerhalb und zwischen den Subsystemen verfügt, unter einer Art Unterindividuation beider Elternteile leidet, kaum über ein Bewußtsein für die eigenen Strukturen, Grenzen und Prozesse verfügt. Da die Stärkung der individuellen Ressourcen relativ angstbesetzt sein könnte, empfiehlt sich eine Arbeit an den Unterindividuationen über z.B. eine beginnende Auseinandersetzung mit den Ursprungsfamilien erst zu einem späteren Zeitpunkt. Nachdem eine relative Funktionsfähigkeit der Familie im rechtlichen, ökonomischen und psycho-sozialen Sinne vorerst wiederhergestellt ist, können Prozesse tiefergehender Persönlichkeitsreifung eingeleitet werden.

  8. Prognose

    Wie verhalten sich in der Familie die positiven und die negativen Kräfte zueinander (morphostatische vs. morphogenetische Kräfte)? Legt man beide Seiten in eine Waagschale, in welche Richtung neigt sich die Waage? Wie wird es nach meinen erfolgten Interventionen der Familie prognostisch in einem Jahr gehen? Geht es der Familie dann wahrscheinlich besser - oder gleichbleibend schlecht - oder gar schlechter (wenn letzteres wahrscheinlich ist, habe ich etwas falsch gemacht)? Eine prognostische Einschätzung dient der zusätzlichen Kontrolle der heutigen Familienberatung aus der distanzierten Position der Zukunft heraus.

  9. Verlaufs- und Prozeßanalyse

    Die Verlaufs- und Prozeßanalyse sollte erst nach Abschluß der durchgeführten Familienberatung mit einem Abstand von mindestens 1-2 Monaten erarbeitet werden . Welche Phasen und Prozesse hat die Familienberatung durchlaufen? Wie und von wem wurde das Ende herbeigeführt? Wie geht es dem identifizierten Patienten heute? Welche Symptome sind verschwunden, welche sind neu aufgetaucht? Wie werden die weiteren Entwicklungen in der Familie beurteilt? Wie fällt ein Vergleich zwischen angestrebten und erreichten Zielen aus? Wie ist der Zustand der Familie insgesamt nach Beendigung der Beratung zu beurteilen?

  10. Selbsteinschätzung

    Wie beurteile ich meine Arbeit? Habe ich es geschafft, während des ganzen Behandlungsprozesses einen Kontakt zur Familie zu halten (Allparteilichkeit)? Welche Krisen habe ich professionell während der Beratung durchgemacht? Was würde ich heute anders machen und was brauche ich dazu? Wie beurteile ich - falls praktiziert - den Prozeß der Co-Beratung? Welche Störungen, Phasen und Prozesse gab es in der Co-Beratung? Was brauche ich noch, um sicherer in meiner Arbeit zu werden?


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