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Prof. Dr. Wolfgang Hantel-Quitmann Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg |
Kurzfassung des ForschungsprojektesDie Zukunft intimer Beziehungen im Zeitalter der Globalisierung |
Intime Beziehungen im Zeitalter der Globalisierung
Die mit dem Zeitalter der Globalisierung verbundenen Veränderungen, Hoffnungen und Befürchtungen beschränken sich nicht mehr nur auf wirtschaftliche und berufliche Aspekte, sondern durchdringen zunehmend auch das private und persönliche Leben der Menschen. Der moderne Mensch der Zukunft soll sich durch eine umfassende, berufliche und private Flexibilität auszeichnen. Gefordert ist „der flexible Mensch“ (Richard Sennett), der sich in seinen privaten Lebensformen den Anforderungen einer auf kurzfristige Gewinnerwartungen und elastische Organisationsformen angelegten Wirtschaft anpassen soll. Als Folge dieses Anpassungsprozesses befürchtet Richard Sennett einen allgemeinen „Drift“, ein orientierungsloses und zielloses Dahintreiben eines Menschen, der nicht nur äußerlich stabile Verhältnisse eingebüßt hat, sondern diese Stabilität sogar in sich selbst und seinen intimen Beziehungen verloren hat. Auch wenn es Sennett weniger um die Wahrscheinlichkeit eines solchen Zukunftsszenarios, als vielmehr um die daraus abzuleitenden sozialen, politischen und vor allem ethischen Konsequenzen für die Gegenwart geht, ist die dahinterstehende Frage bedeutsam: Wie werden die Menschen der modernen, westlichen Industrienationen die vorhersehbaren Konflikte zwischen den beruflichen Anforderungen nach Flexibilität einerseits und den Erfordernissen stabiler, privater, intimer Beziehungen anderseits bewältigen ? Denn im Gegensatz zu den ökonomischen Flexibilitätsanforderungen ist der Mensch in seinem privaten Lebensraum auf Verlässlichkeit, Zielstrebigkeit, Konstanz, Kontinuität, Dauer und Langfristigkeit angewiesen – zumindest ist dies (noch) die herrschende Meinung der Psychologie und Erziehungswissenschaften. Insbesondere Familienbeziehungen erfordern, vor allem aus der Sicht der Kinder, immer noch solche stabilen Beziehungsqualitäten, die als wahres Kontrastprogramm zum geforderten Lebensstil des „flexiblen Menschen“ erscheinen.
Die ökonomisch geforderte Flexibilität als ein Kernelement der Globalisierung gerät damit in Konflikt mit der – aus psychologischer Sicht – so bedeutsamen Konstanz und Stabilität in intimen Beziehungen. Wahrscheinlich wird dies nicht zu einem Konflikt zwischen biologischen Anlagen und sozialer Orientierung, zwischen Modernität und menschlichem Charakter schlechthin werden, und viele Menschen werden diese Konflikte auch konstruktiv bewältigen. Aber für die große Mehrheit wird die Frage zwischen Flexibilität und Konstanz zu einer chronischen und riskanten Kosten-Nutzen-Entscheidung werden, zu einer Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach stabilen, persönlichen Beziehungen und den Anforderungen nach beruflicher Flexibilität und Mobilität. Tendenziell stellt sich damit heute die Frage, ob und wie die Auswirkungen der Globalisierung und Flexibilisierung die intimen Beziehungen des modernen Menschen verändern, deformieren, einschränken werden - oder gar offener gestalten können.
Diese Zukunft hat bereits begonnen. Globalisierung kennzeichnete noch vor kurzem den Entstehungsprozess weltweiter Finanzmärkte. Heute wird unter Globalisierung die weltweite Ausdehnung nicht nur finanzieller und wirtschaftlicher, sondern auch kultureller, politischer oder sozialer Beziehungen verstanden. In den letzten Jahren haben insbesondere die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien die Globalisierung vorangetrieben und damit die Menschen näher zusammenrücken und die Welt „kleiner“ werden lassen. Die schnelle Überwindung kontinentaler Distanzen und damit die zeitliche und räumliche Verdichtung globaler Beziehungen haben in den letzten Jahren dieses Jahrhunderts auch die zwischenmenschlichen Beziehungen in den westlichen Industrienationen stark verändert, auch wenn bisher nur eine Minderheit daran teilnimmt. So entstanden beispielsweise künstliche Räume (cyberspace), sekundenschnelle elektronische Nachrichtenübertragungen (e-mail) oder das weltweite Informationsnetz (internet). Besonders die so erzeugten künstlichen Wirklichkeiten und Beziehungen (virtuel realities, virtuel relations) verändern die persönlichen, intimen Beziehungen der Menschen. Partnerschaften im und durch das Internet, virtuelle Sexualbeziehungen, Personalcomputer und Internet als Freizeitbeschäftigung der Kinder und Jugendlichen oder die permanente und weltumspannende Erreichbarkeit und Verfügbarkeit durch das Mobiltelefon (handy) sind nur die erste Stufe innerhalb dieses Prozesses gewesen.
Die sukzessive Virtualisierung des Menschlichen und die Vermenschlichung des Virtuellen nimmt immer neue Formen an. Heute haben die virtuellen Realitäten und Beziehungen bereits eine eigenständige Qualität erlangt und zeigen Rückwirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen selbst. Eifersucht auf den Internet-Partner, organisierte Treffen im chat-room des Internet anstelle direkter Kommunikation oder eine sexuelle Beziehung mit einem virtuellen Partner sind schon alltägliche Beispiele. Wohin führen diese Globalisierungsprozesse im Bereich der intimen Beziehungen des Menschen ? Hier werden nicht nur neue Märkte und Umsatzmöglichkeiten erschlossen; die Logik der Globalisierung verändert im Hinblick auf die sozialen Beziehungen alle bislang gültigen Normen, Qualitäten und auch ethischen Standards. Dabei sind es weniger die Medien und Technologien allein, die diese Veränderungen in den sozialen Beziehungen herbeiführen, als vielmehr ihre Anwender. Entscheidend wird die Frage sein, wie die Menschen diese Technologien nutzen, wie sie diese einbinden in ihren Alltag, ihre Arbeit und Freizeit, ihre Partnerschaften, Freundschaften, Sexualbeziehungen oder Familien. Wenn Intimität im allgemeinen Raum öffentlich zugänglich wird, wenn die Zurschaustellung von Intimitäten zum Alltag von Talkshows und TV-Serien werden, was geschieht dann mit der menschlichen Intimität selbst ? Löst sich private Intimität in ihrer Bedeutung auf, oder wird sie gespalten in eine veröffentlichte, virtuelle Intimität und eine persönliche und private ? Intime Beziehungen zeichneten sich bislang durch die Fähigkeit aus, die Regeln über Intimität in einem privaten Raum frei auszuhandeln. Insofern hatte sie stets etwas „Geheimnisvolles“, was nur die jeweiligen Familienmitglieder kannten und verstanden. Wenn diese Intimität aber immer mehr veröffentlicht und medial durchdrungen wird, wo können die Menschen diese „alte“ Intimität noch leben ? Wo sind sie noch geschützt vor ökonomischer Kommerzialisierung und öffentlichem Voyeurismus ? Reicht dazu eine Abspaltung zwischen veröffentlichter und privater Intimität ? Oder müssen neue Formen intimer Beziehungen erfunden werden?
Intime Beziehungen kennzeichnen (noch) einen privaten Lebensraum des Menschen. Jeder Mensch braucht solche privaten, persönlichen und intimen Beziehungen, in denen er sich jenseits des öffentlichen, sozialen Lebens entwickeln und regenerieren kann, und in denen er angstfrei und angstvoll, vertrauensvoll und verunsichert seinen nächsten Mitmenschen wahrhaft begegnen kann. Aus der Sicht der Psychologie ist dieser Raum der Intimität für die persönliche Integrität und Identität, das Wachstum und die Reifung von Menschen - nicht nur der Kinder und Jugendlichen, sondern auch der Erwachsenen - besonders bedeutsam. Intime Beziehungen umfassen heute eine Vielzahl unterschiedlicher privater Beziehungsformen, deren Gemeinsamkeit in einer besonderen Qualität, Bedeutung und Nähe der Zwischenmenschlichkeit besteht. Solcherlei intime Beziehungen bestehen zwischen Lebenspartnern, Ehepartnern, Geschwistern, Eltern und ihren Kindern, Freunden, Sexualpartnern, Liebespartnern oder Familienangehörigen. Das Leben in solchen Beziehungen ist ein mit Recht vom Grundgesetz geschützter Raum ( Artikel 6 Grundgesetz).
Auch als Reaktion auf die beschriebenen Veränderungen führte dies zu einer besonderen Diversifizierung intimer Beziehungsformen. Neben den sogenannten Normalfamilien sind mehr und mehr Stieffamilien, Einelternfamilien, Singles, offene Lebensgemeinschaften oder Partnerschaften auf Zeit entstanden. Sie dienen heute als private Orte nicht mehr nur der persönlichen Regeneration oder der Erziehung der Kinder, sondern auch der Stabilisierung des persönlichen Wertes, der Lebenserfüllung oder gar der Sinngebung und damit einer besonderen, privaten „Tyrannei der Intimität“ ( Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt a. M. 1999). Niklas Luhman ( Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Frankfurt 1984) spricht in diesem Zusammenhang von einer künstlichen Emotionalisierung privater Beziehungen, von einer Überhitzung des Privaten innerhalb einer erkalteten Gesellschaft. Es ist zu fragen, ob diese künstliche Idealisierung und Emotionalisierung der intimen Beziehungen nicht eine Reaktion auf die „veröffentlichte Intimität“ darstellt. Konstante intime Beziehungen sind heute allein deshalb schon schwerer zu leben, jenseits der Auswirkungen der Flexibilisierung, weil ihre Idealisierung unlebbarer und unmenschlicher geworden ist. Trotz statistischer Realitäten halten sich hartnäckig einige Mythen der Intimität, wie die „romantische Liebe für das ganze Leben“ oder das „dauerhafte Glück in der Familie“. Diese modernen Mythen haben die intimen Beziehungen vor zusätzliche und schier unerfüllbare, psychische Anforderungen gestellt. Sie haben sie damit überproportional aufgewertet, bedeutsamer gemacht, aber auch belasteter, unflexibler, brüchiger und damit auf Dauer schwerer lebbar werden lassen. Diese besonderen ideologischen Belastungen der intimen Beziehungen als Orte der Sinnstiftung, der dauerhaften Liebe und des uneingeschränkten Glücks sind erste Auswirkungen der Flexibilisierung des Privatlebens und der veröffentlichten, kommerzialisierten Intimität.