Liebesaffären

Liebesaffären - Zur Psychologie leidenschaftlicher Beziehungen

Liebesaffären

Wolfgang Hantel-Quitmann

Zur Psychologie leidenschaftlicher Beziehungen
Psychosozial-Verlag Gießen Juli 2005
ISBN: 3-89806-394-1
233 Seiten, € 19.90


Inhalt

  1. Liebessehnsucht

    „So süßes Sinnen, solch allmächtig Sehnen“ - Die Liebessehnsucht der Kugelmenschen - As time goes by - Liebessehnsüchte zwischen Realität und Phantasie

  2. Liebesaffären zwischen Schicksal und Schuld

    Wer liebt hat Recht! - Great is their love, who love in sin and fear - Kastration als Strafe - Die Geburt der Schuldgefühle

  3. Die große Liebe

    Die Farben der Liebe - Die Kennzeichen der großen Liebe - Das Hohelied der großen Liebe - Die Idee der großen Liebe und die Angst vor dem Tod - Die Bindung der menschlichen Aggression in der Liebesbeziehung - Die große Liebe - Die Liebe des Lebens

  4. Die Ehe ist tot, es lebe die Liebe!

    „Heiraten verderben die zartesten Verhältnisse“ - Das Paradies ist anderswo - Einstein: Zum getreuen Ehemann untauglich

  5. Liebesaffären und sexuelle Leidenschaften

    Sexualität macht aus dem Flirt eine Liebesaffäre - Erotik ist lediglich ein Rausch - Eilt gemeinsam zum Höhepunkt: Anweisungen für das Liebesspiel - Die reine Begierde - Amour fou - „Ein ehebrecherisches Auge macht aus der letzten Schlampe noch eine Göttin“ Mensch zu sein bedeutet immer auch, am Rande der Schande zu sein - Eine sexuelle Liebesaffäre ist wie eine Droge - Das Verlangen nach Wechsel

  6. Der Verführer

    Aus dem Leben des Giacomo Girolamo Casanova - Gefährliche Liebschaften - Don Giovanni oder Der bestrafte Wüstling - Der postmoderne Verführer - Wir sind vor keinem Männerherzen sicher

  7. Die Liebesaffären der Frauen

    Und wenn ich dich lieb habe, was geht’s dich an? - Die Ohnmacht der Frau und die Macht der Moral - Sanfte Bande des Herzens. Der weibliche Traum von der idealen Liebesbeziehung - Ich bin eine lebendige Frau, die Liebe braucht

  8. Parallelwelten

    Kleine neue Welten - SMS: Ich liebe Dich! - Karl Marx, Jenny und Helene - Die Passion meines Lebens: Martin Heidegger über Hannah Arendt - Richard und Cosima Wagner und Hans von Bülow… und dann auch noch Friedrich Nietzsche

  9. Das Schicksal der Verratenen und Verlassenen

    Die Rache des Hephaistos - Troja - Ich habe ihn tot geweint - Undine geht - Abwarten, bis sich etwas ändert - Mord als Fehlleistung - Auftragsmord als moderne Rache - Der Wahnsinn der öffentlichen Moral

  10. Lösungen

    Liebe - Versöhnung - Neuanfang - Veränderung

  11. Zur Psychologie der Liebesaffären

    Das Tollhaus der Möglichkeiten - Lebenslange Liebe? - Geben und Nehmen - Die apokalyptischen Reiter - Stress macht hässlich - Die Zeiten der Reifung - Liebesaffären in der Paartherapie - Erinnerungen an meine Geliebten

Zur Einführung: Verwirrende Gefühle

Sagt der Liebhaber zur Geliebten: „Die Zeit, während ich verreist bin, könntest du eigentlich dazu benützen, deinem Mann treu zu sein.“ (Arthur Schnitzler: Entworfenes und Verworfenes. Aus dem Nachlass. Hrsg. Von Reinhard Urbach, Frankfurt a.M. 1977, 229) Führt sich da etwa der Liebhaber auf wie ein Ehemann? Fordert er gar Treue von seiner Geliebten? Ist er nicht selbst der Treulose? Wer ist da eigentlich noch Liebhaber, wer Ehemann, was ist eine Liebesaffäre und wie steht sie zur Ehe? „Ein überraschter Liebhaber. Der Mann kommt dazu, gibt sich als Liebhaber aus. Darauf der Liebhaber als Mann.“ (a.a.O.,193) Arthur Schnitzler hat es gut verstanden, die verwirrenden Gefühle bei Liebesaffären zu beschreiben: „Knops fühlt sich als der Geliebte seiner Frau. Er hat endlich den früheren Liebhaber seiner Frau hinausgeworfen, nun sitzt seine Frau bei ihm, wenn er Karten spielt, kokettiert mit ihm; er fühlt sich geschmeichelt, kommt sich vor wie der glückliche Nebenbuhler.“ (a.a.O.,199)

Was ist eine Liebesaffäre? Eine Liebesaffäre ist der Anfang vom Ende! Eine Liebesaffäre hält eine Beziehung frisch! Eine Liebesaffäre trifft die Liebenden wie Amors Pfeile! ... Die Kontroversen über das, was wir eine Liebesaffäre, Affair d`amour, aventura amorosa, love affair oder ventura d`amore nennen, sind nie endgültig zu beenden, weder durch Moral und Strenge noch durch Liberalität und freiheitliche Sexualauffassung. Auch die Psychologie hat dazu keine einheitliche Meinung und schon gar keine Rezepte, denn für die Psychologie geht es weniger um die Konflikte selbst, als vielmehr um den Umgang mit ihnen. Darüber hinaus steht man mit der Interpretation der Liebesaffären im Zentrum der kulturell bestimmten Sexualmoral. Die private Ordnung der Liebe in der Ehe ist immer auch Teil der allgemeinen Ordnung, ein Mikrokosmos, ein Reflex auf die Ehe und zugleich ihr Stabilisator.

Paar-Beziehungen als Liebesbeziehungen sind heute besonderen Belastungen ausgesetzt; als psychische Orte sind sie zuständig für alles, was mit Nähe, Glück, Geborgenheit, Gefühl, Privatheit, Persönlichem, Intimität und Liebe zu tun hat. Wenn im Laufe einer langen Beziehung die inneren Bilder, die sich mit Gefühlen der Liebe, der Geborgenheit und der Sexualität verbinden, schwächer werden, und das ehemalige Liebesobjekt nicht mehr so besetzt werden kann, dann ist das der Tribut der Ideale an die Kräfte der Realität, dann entsteht die Patina der Beziehungswirklichkeit auf den sakralen Insignien der Liebe. Je weniger sich die intimen und persönlichen Gefühle realisieren bzw. auf Dauer leben lassen, desto stärker wird die Sehnsucht nach Liebe.

Liebe ist als Gefühl zeitlos, sie ist Sehnsucht, Verlangen und Verschmelzung, ist das größte Glück auf Erden und ein Leben ohne sie erscheint beinah sinnlos! Eine solche Liebe ist menschlich, universell, gut und wohl denen, die an ihr teilhaben können, keiner möchte es ihnen missgönnen! Wie ist es nun aber um eine Affäre im Gegensatz zu einer erwünschten und ersehnten Liebe bestellt? Eine Affäre rückt die Liebe in ein anderes Licht, sie macht die Liebe fragwürdig. Ist eine Affäre eine Liebe, die sich zwischen den falschen Menschen zum falschen Zeitpunkt und am falschen Ort ereignet? Ist eine Liebesaffäre gar eine falsche Liebe und wenn ja, was ist dann eine richtige Liebe? Wer beurteilt, was richtig und was falsch ist? Schlimmer noch: was für die Liebenden selbst immer richtig ist und als Gefühl nie falsch sein könnte, wird manchmal für ihre Partner, Nächsten, Liebsten und Familien zur verwerflichsten Sache schlechthin. Aber auch die Liebenden selbst sind geplagt von widersprechenden Gefühlen: sie sind manchmal unglücklich über ihre Liebe, leiden unter ihr, verstecken sie, fühlen sich schuldig, möchten mal nur noch in dieser Liebe leben, und wünschen sich Sekunden später, sie wären diesem wunderbaren Anderen nie begegnet. Wer will derartige Gefühlsverwirrungen verstehen, in denen Liebe und Wahnsinn, Verzückung und Schmerz, Leere im Kopf und Schmetterlinge im Bauch so eng beieinander liegen? So ist die Perspektive der Liebenden. Die anderen sind die Betrogenen, Verlassenen, Verratenen, Gehörnten und Verletzten; wer will erst ihre Gefühle verstehen, angesichts des Liebesverrats, der ihnen schier den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht und ihnen scheinbar alles nimmt, worauf sie sich bislang eingelebt und verlassen hatten? Wie werden sie erst fertig mit den Kränkungen, dem Verlust ihres Lebensentwurfs und ihrem Schmerz? Trennung und Rache sind die beinahe natürlichen, weil verstehbaren Gedanken. An Wiedergutmachung ist kaum zu denken.

In solchen verwirrten Gefühls- und Geisteszuständen kommen Paare auch in die Therapie, mit traurigen und verletzten Gefühlen der eine, mit verliebten und schuldigen Gefühlen der andere Partner. Beide verstehen auf unterschiedliche Weise die Welt nicht mehr, und sie haben eine dritte, unsichtbare Person in die Therapie mitgebracht, jenes Objekt der Begierde und des Hasses, das sie seit einiger Zeit in einer so genannten Dreiecksbeziehung glücklich und unglücklich sein lässt. Die bisherigen Glaubensgrundsätze erscheinen fragwürdig, nichts scheint mehr so zu sein, wie vorher, die Welt steht Kopf, nichts stimmt mehr. Es gibt nur noch Fragen: Was ist Liebe, was ist eine gute Ehe, was ist Moral und Intimität, was gelten Versprechen und was ist Verrat, was sind die Motive des Liebesverrats des Partners, was hat die Affäre mit der eigenen Beziehung der letzten Jahre zu tun, geht es um Veränderung der eigenen Beziehung, lohnt es sich also zu kämpfen, oder ist dies der Anfang vom Ende, stehen dahinter Trennungsabsichten, können und sollen sie sich arrangieren, was sind die Gründe für die Liebesaffäre, kann man überhaupt noch glauben, was der andere sagt, wie lange wollen oder können sie diesen Zustand noch ertragen, wie lange müssen sie ihn noch aushalten der Kinder wegen, was ist die Wahrheit in diesen turbulenten Gefühlen, welche Sanktionen müssen angedroht und eingeleitet werden, braucht man die sofortige Rache, und kann dabei überhaupt eine Beratung oder Therapie helfen, ist das nicht alles eigentlich eine Privatsache, ein schlechter Traum oder einfach eine Krise, durch die man hindurch muss? Lösungen sind gefragt, vor allem schnelle, denn nicht der Tod der Beziehung ist so sehr das Problem als vielmehr ihr langsames Sterben. So fragt sich das Paar, das sich selbst einmal so grenzen- und zeitlos verliebt fühlte: War die Ehe nicht von Anfang an ein Irrtum oder zumindest zum Scheitern verurteilt, warum waren wir so lange blind, sind die Gefühle nicht schon lange tot in unserer Ehe, ist Ehe nicht selbst der Friedhof jeder Liebe?

Die Themen des Buches werden nicht nur aus fachlich-psychologischer Perspektive abgehandelt. Bei aller Liebe zur Psychologie, das wäre dann doch zu trocken und für dieses schöne Thema unangemessen. Neben der psychologischen Perspektive habe ich drei weitere, deren Vermengung mit der Psychologie dem wirklichen Leben hoffentlich sehr nahe kommt. Zum einen sind dies Beispiele aus meiner Praxis als Paar- und Familientherapeut. An dieser Stelle möchte ich meinen Klientinnen und Klienten, den Paaren danken, ohne die dieses Buch nicht möglich gewesen wäre und von denen ich viel gelernt habe. Die Paartherapie ist mir in den letzten 15 Jahren zu einer „Herzenssache“ geworden, auch die Arbeit mit den Paaren im Rahmen von Familientherapien. Die Paarbeziehung als Liebesbeziehung ist nun mal das Herzstück jeder Familie und wahrscheinlich auch das Beste für die Kinder, denn: Das Beste, was ein Vater für seine Kinder tun kann, ist ihre Mutter zu lieben!

Die zweite Darstellungs- oder Bearbeitungsebene ist die der Literatur. Ich glaube, dass Literatur niemals nur ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit ist, sondern vielmehr eine Verarbeitung der Themen, Ängste, Widersprüche oder Konflikte einer jeweiligen Zeit enthält. Literatur ist insofern aktiv und bisweilen provokant, aber niemals nur passives Abbild. Literatur ist Psychologie in Prosa, Poesie und Lyrik, denn der Kern der Psychologie sind die Gefühle. Wenn wir von Liebesaffären sprechen, dann geht es um solche tiefen Gefühle, um Liebe, aber auch um Depressionen, Aggressionen, Rachegelüste, Mordphantasien, das heißt um Irrationales. Die Sprache der Gefühle und der unbewussten Phantasien ist nicht rational, sondern erschließt sich über Bilder, die entschlüsselt werden müssen, über deren Metaphorik und Symbolik. Daher ist die Darstellung eines literarischen Werkes manchmal treffender, prägnanter, tiefer und einsichtiger, als jede psychologische Analyse.

Die dritte Ebene der Bearbeitung des Themas ist die der großen historischen Beispiele und ihrer Protagonisten, die Liebesaffären der Berühmtheiten. Ihre Geschichten habe ich deshalb angeführt, weil sie zeigen, dass auch unsere Ideale und Idole zunächst einmal Menschen sind und ihre Liebesaffären uns helfen können, uns selbst oder andere nicht so zu verurteilen und moralisch zu bewerten. Ich denke, dass die Verbindung von Erfahrungen aus Paartherapien, literarischen und realen Beispielen und fachlichen Reflexionen nicht nur angenehmer zu lesen ist, sondern auch das Thema Liebesaffären besser verstehen lässt.

Mein herzlicher Dank geht an meine Frau Susanne, die die verschiedenen Versionen dieses Buches mit endloser Geduld gelesen, gestrichen und geändert hat. Es ist ein Glücksfall, dass sie mich aus mehr als 30 Jahren Paarbeziehung nicht nur sehr gut kennt, sondern auch als Paar- und Sexualtherapeutin arbeitet. Und unseren vier Kindern sei dafür gedankt, dass sie mich geduldig arbeiten ließen.

Anmerkung: Als Mann benutze ich durchgängig die männliche Anrede, die Frauen mögen dies entschuldigen. Eine durchgängige Verwendung beider Anredeformen wäre korrekter, aber hemmender für den Lesefluss.


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