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Die Liebe, der Alltag und ichWolfgang Hantel-Quitmann Partnerschaft zwischen Wunsch und Wirklichkeit |
Rot ist die Liebe, grau der Alltag?
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Die Liebe
Die Liebe und der Alltag
Die Liebe, der Alltag und ich
Literatur
Verliebte haben manchmal Ähnlichkeiten mit Kindern. Sie essen Eis zum Frühstück, machen im Zoo die Affen nach, lachen dauernd über andere Menschen, bleiben tagelang im Bett, obwohl sie nicht krank sind oder laufen im Unterhemd durch den Stadtpark. Wenn es Verliebten gut geht, dann wollen sie, dass es immer so bleibe, wollen die Zeit anhalten und genauso weiter leben, wie sie es gerade tun. Und wenn es Verliebten schlecht geht, weil der andere Partner ihnen böse ist oder sie sich gestritten haben, dann soll sich das sofort ändern, dann können sie diesen unerträglichen Zustand keinen Augenblick mehr aushalten. Dann wollen sie am liebsten die Zeit zurück drehen und einen Zustand wieder herstellen, in dem sie besonders glücklich waren. Unglück können sie nicht ertragen, Konflikte wollen sie vermeiden, der Wirklichkeit begegnen sie mit einem verächtlichen Lächeln und Verantwortung wollen sie nicht einmal für sich selber übernehmen, schon gar nicht für andere. Verliebte wollen anscheinend wieder so leben, wie sie es zuletzt als Kinder gemacht haben und anstelle von Eltern wünschen sie sich meistens Schutzengel. Manchmal provozieren sie das Schicksal, laufen bei Rot über die Ampel, ärgern Kampfhunde oder klauen Kuchen im Supermarkt. Sie fühlen sich mächtig durch ihre Liebe, beinahe unsterblich. Verliebt sein setzt Glückshormone frei und lässt den eigenen Selbstwert in ungeahnte Höhen steigen. Solche Menschen sind nahe an ihrem eigenen Ideal, sie sind den Göttern nahe und fühlen sich auch so.
Verliebt sein bedeutet im psychologischen Sinne, den Sexualpartner zu idealisieren. Dieser Mensch wird mit einem Glorienschein gesehen, seine Nähe gibt Kraft und Wärme und eine Trennung lässt schmerzliche Sehnsucht aufkommen, die körperlich fühlbar ist. Manche Verliebte empfinden sicherlich so, weil sie sich selbst auch idealisiert fühlen: man liebt, weil man geliebt wird. Insofern ist ein verliebtes Paar gefangen in gegenseitiger Idealisierung und wenn einer von beiden in seiner Idealisierung nachlässt, dann wird es für beide kritisch. Und auch dann bleiben die Verliebten ihrer Kindlichkeit treu. Sie wollen, dass sich der andere ändern möge, denn eine selbstkritische Haltung verträgt sich nicht mit Verliebtheit. Der Partner soll so sein und bleiben, wie man sich ihn von den Göttern gewünscht hat und wie man ihn anscheinend endlich für so viele Leiden vorher auch verdient hat.
Solche verliebten Menschen verhalten sich wie Pygmalion, dessen Geschichte der Dichter Ovid in seinen „Metamorphosen“ beschrieben hat. Pygmalion lebte lange allein ohne eine Gemahlin, weil das unzüchtige Verhalten der Frauen und all ihre durch ihre Natur bedingten Fehler ihn abstießen. Er konnte allerdings das Elfenbein sehr kunstvoll schnitzen und so schnitzte er sich eines Tages aus weißem Elfenbein sehr gekonnt eine Frauengestalt, die perfekt war, wie sie von Natur aus nie hätte sein können. Er verliebte sich richtig in diese Gestalt aus Elfenbein und wünschte sich sehr, sie möge ein Wesen aus Fleisch und Blut mit lebendigen Armen und Beinen werden. Er berührte sie oftmals in der Hoffnung, sie möge lebendig werden und küßte sie voller Inbrunst. Er gab ihr Koseworte, streichelte sie, brachte ihr Geschenke mit, glaubte Antworten zu hören, wenn er mit ihr sprach, kleidete sie an, behängte sie mit Schmuck, baute ihr ein Bett und legte ihr weiche Kissen hinein. Am Tag der Venus, der auf ganz Zypern alljährlich gefeiert wurde, betete er zur Venus, sie möge seiner Elfenbeinfrau Leben einhauchen, damit er sie lieben und heiraten könne. Die Göttin verstand ihn und zum Zeichen, daß sie ihm wohl gesonnen war, ließ sie drei Mal die Flamme gen Himmel steigen. Nach diesem Erlebnis eilte er aufgeregt und erwartungsvoll nach Hause, ging zu ihrem Lager, küßte sie und merkte, wie sie langsam erwärmte unter seinen Küssen. Langsam kam Leben in sie, sie errötete bei seinem Kuß und er jubilierte innerlich und dankte der Göttin Venus, die ihn erhört und seiner elfenbeinernen Jungfrau Leben eingehaucht hatte.
Dieser Schöpfungsmythos kennzeichnet die Haltung vieler verliebter Menschen: ich schaffe mir einen Traumpartner nach meinem eigenen, inneren Bild und wenn die Götter mir wohl gesonnen sind, dann werden sie diesem Wesen Leben einhauchen und ich kann bis an das Ende meiner Tage glücklich sein, denn der andere ist stets so, wie ich ihn mir wünsche. Das klingt nicht reif und aufgeklärt, sondern eher wie kindliches Wunschdenken. Wie aber kann eine Liebesbeziehung idealer Weise anders gedacht werden? Ich glaube, wir können von einem anderen Bildhauer lernen.
Michelangelo Buanarotti hatte eine gänzlich andere Perspektive, als sein mythologischer Künstlerkollege; während Pygmalion den Menschen nach seinem eigenen inneren Vorbild erschaffen hat, versuchte Michelangelo den anderen so zu sehen, wie dieser gerne selber wäre, also möglichst nah an dessen eigenem Ideal. Als Michelangelo einmal gefragt wurde, wie er diese wunderbaren Kunstwerke erschaffen könne, wie er beispielsweise einen David aus einem Steinblock erschaffen habe, da antwortete er bescheiden und weise: das Kunstwerk sei ja schon im Stein enthalten gewesen, bevor er es freigelegt habe. Seine Arbeit habe lediglich darin bestanden, dieses Kunstwerk im Stein zu erkennen und es dann bloß noch frei zu legen.
Wenn wir diese Perspektive Michelangelos auf verliebte Menschen in Partnerschaften übertragen, dann sind nicht mehr die eigenen Wünsche und Interessen Ausgangs- und Endpunkt des verliebten Denkens, sondern der jeweilige Partner. Wir erkennen im anderen dessen Potentiale, seine - und nicht meine - Ideale, seine inneren Kunstwerke. Und die Aufgabe der Partnerschaft besteht „nur noch“ darin, diese frei zu legen. Mit dem geliebten Partner geschieht in der Folge davon ebenfalls etwas Wundersames: dieser hat nicht mehr das Gefühl, sich nach den Wünschen des anderen verhalten zu müssen, sondern fühlt sich verstanden, nahe an seinem Ideal gesehen und damit der Selbstverwirklichung ein Stück näher. Eine solche Partnerschaft verharrt nicht in der gegenseitigen Forderung, der jeweils andere möge sich ändern, sondern darin, sich in seinen möglichen Entwicklungen gegenseitig herauszufordern und dadurch dem eigenen Ideal näher zu kommen. Die verliebten Partner benehmen sich wie die Bildhauer aus Michelangelos Schule: sie hämmern und schleifen am anderen, um aus dem groben Steinblock alles frei zu legen, was dieser an Entwicklungspotentialen mit sich herum trägt, ohne es bislang zu wissen oder selbst daran zu glauben. Solche Partner helfen sich in ihrer gegenseitigen Freilegung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten und fordern diese nicht nur beim anderen ein. Allerdings gilt es für diese bildhauerische Arbeit in Partnerschaften eine Kleinigkeit zu beachten. Das frei zu legende Ideal ist immer das Ideal des anderen, nicht das eigene wie bei Pygmalion. Und wenn der geliebte Partner das Gefühl bekommt, die Sicht seiner Möglichkeiten sei wieder idealisiert und verklärt, dann steigt er womöglich aus der Partnerschaft aus, denn dann bekommt er das Gefühl, es gehe nicht um ihn. Fragen Sie also ihren Partner, was Sie tun können, damit er sich weiter entwickeln, selbst verwirklichen und seinem Ideal annähern könne und bitten Sie ihn, das gleiche mit ihnen zu tun.
Cellesche Zeitung: "Wenn die Liebe noch jung ist..."
Frankfurter Neue Presse: "Müll, Sex und noch viel mehr"
Magdeburger Volksstimme: "Liebe zwischen Wäschedienst und gemütlichem DVD-Abend"
Mannheimer Morgen: "Den Anfang der neuen Liebe meistern"