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Wolfgang Hantel-Quitmann und Peter Kastner |
Die Globalisierung tut nichts, es ist vielmehr der Mensch, der alles tut. (Karl Marx)
Zur Einführung
Ökonomische Wirklichkeit und politisch-ideologischer Mythos waren schon immer zwei Seiten der gleichen Medaille. So verfügen die 225 reichsten Menschen der Welt über ein Vermögen von insgesamt 2,1 Trillionen US-Dollar, was ungefähr dem Einkommen von 2,5 Milliarden der ärmsten Menschen der Erde entspricht ( UN 1998). Gleichzeitig transportiert die moderne Wissenschaft den märchenhaften Mythos – durchaus im Sinne eines „es wird einmal“ – dass die Globalisierung bestimmte Rahmenbedingungen brauche, um ihre segensreiche Wirkung voll entfalten zu können. Ökonomisch ist damit die Entfaltung des freien Marktes gemeint – nach Meinung unseres Altbundeskanzlers Helmut Schmidt des „Raubtierkapitalismus“ - ; und bildungspolitisch brauchen wir die Umwandlung von Bildung in eine Wissensgesellschaft, die mit Hilfe der Informationstechnologie errichtet werden soll. Bei den auftretenden Risiken und Nebenwirkungen greifen wir zu faktischen und moralischen Beruhigungsmitteln. So verschreiben wir unseren Kindern beim Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS immer mehr Beruhigungsmittel; so ist Ritalin das in Deutschland am meisten verabreichte Medikament bei Kindern, obwohl bislang immer noch keiner genau dessen Wirkungen und Nebenwirkungen kennt. Analog verordnen wir uns Erwachsenen einen Beruhigungscocktail Ethik, bevorzugt in der institutionellen Darreichungsform der verschiedenen Ethikräte. Zur Illustration ein Einzelbeispiel: in dem Sammelband „Ein Ethos für eine Welt“ wird als Untertitel formuliert: „Globalisierung als ethische Herausforderung“. Nicht die Globalisierung wird von der Ethik herausgefordert, sondern umgekehrt wird eine Anpassung der Ethik an eine handhabbare globalisierte Form gefordert und geplant. Der Widerstand gegen die Globalisierung unter der Berufung auf eine ethische Werthaltung stammt denn auch eher aus der Sichtweise von nicht regierungsamtlichen Organisationen, in denen zwar Wissenschaftler mitarbeiten oder die Wissenschaft als Argumentationshilfe gebrauchen, die aber im Kern politisch argumentieren im Sinne einer Betroffenheitsargumentation. Die Stichworte Genua und Seattle mögen hier zur Illustration reichen. Sichtbar wird dabei vor allem die emotionale Wucht des Themas Globalisierung, wobei die polare Spaltung in Gut und Böse, die Verheißung und die Verzweiflung, das enthusiastische Befürworten und die Verteufelung eher als die unbewusste Anwendung magischer Praktiken, denn als rationaler Diskurs verstehbar ist. Globalisierung ist offenbar kein rationaler Begriff, der Eindeutigkeit in klarer Abgegrenztheit zu anderen Beschreibungen ermöglicht, sondern ein mehrdeutiges Symbol, das unterschiedlichste Ebenen, sowohl inhaltlicher als auch struktureller Art betrifft. Ein wesentliches Charakteristikum der Diskussion ist, dass die Kennzeichnung der Globalisierung als ein Symbol nicht anerkannt wird. In der Diskussion wird stattdessen eine Wesenhaftigkeit unterstellt, die der „Globalisierung“ zu einer Wirklichkeit verhelfen soll, die als Tatsache unbezweifelbar wird und selbst nicht mehr sinnvoll hinterfragt werden kann. Dabei wird der Wirkung dieser behaupteten Wirklichkeit die größtmögliche Konsequenz zugesprochen. So schreibt Hans Dietrich Genscher unter dem Titel „Globalisierung – Chance oder Gefahr ?“ ( 1997): „Nach dem Ende des Kalten Krieges sind wir nicht am Ende der Geschichte angelangt. Aber wir stehen am Beginn einer neuen Epoche, in deren Verlauf Freiheit und Demokratie sich Schritt für Schritt durchsetzen werden und deren „leitende Tendenz“ – um mit Leopold Ranke zu sprechen – die immer stärkere Globalisierung aller Lebensbereiche und Lebensbezüge sein wird.“
Globalisierung wird hier beschrieben als Prozess, der uns alle bzw. die Menschheit insgesamt ergreifen wird, der zwangsläufig bestimmte Inhalte transportiert und deren Auswirkungen einen neuen Menschen durch Umwandlung „alter“ Lebensbereiche und Lebensbezüge schaffen wird. Die Gestaltungsfreiheit des Menschen innerhalb dieses zwangsläufigen Prozesses erscheint bestenfalls auf Spielräume beschränkt. Der Prozess der Globalisierung oder die mit der Globalisierung einhergehende Logik erscheinen als eine Art Naturgewalt, der sich der Mensch nur fügen kann. Man muss wohl erfolgreicher Politiker sein, um so selbstgewiss und selbstverständlich von so bedeutenden und schwerwiegenden Sachverhalten wie der conditio humana und deren epochalen Veränderungen reden zu können. Dieser Leichtigkeit der Rede über Globalisierung soll ein Wort von Jean Gebser zugesellt werden, der zwar noch nicht die Globalisierung kannte, aber 50 Jahre früher sich dem Thema der epochalen Änderung als Aufgabe und nicht als Geschenk stellte. „Was wir heute erleben, ist nicht etwa eine nur europäische Krise. Sie ist auch nicht eine bloße Krise der Moral, der Wirtschaft, der Ideologien, der Politik, der Religion. Sie herrscht nicht nur in Europa oder Amerika. Auch Russland und der ferne Osten sind ihr unterworfen. Sie ist eine Weltkrise und Menschheitskrise, wie sie bisher nur in Wendezeiten auftrat, die für das Leben der Erde und der jeweiligen Menschheit einschneidend und endgültig waren. Die Krise unserer Zeit und unserer Welt bereitet einen vollständigen Umwandlungsprozess vor, der vorerst noch autonom, einem Ereignis zuzueilen scheint, das von uns aus gesehen nur mit dem Ausdruck „globale Katastrophe“ umschrieben werden kann, das sich als Neukonstellation planetaren Ausmaßes darstellen muss. Und wir sollten uns in der gebotenen Nüchternheit durchaus darüber im klaren sein, dass uns bis zu jenem Ereignis nur noch einige Jahrzehnte verbleiben. Diese Frist ist durch die Zunahme der technischen Möglichkeiten bestimmt, die in einem exakten Verhältnis zu der Abnahme des menschlichen Verantwortungsbewusstseins steht.“ ( Jean Gebser, 1949) Ohne hier auf das Werk und die darin beschriebenen Lösungsmöglichkeiten der Wandlung des Menschen in seiner Grundstruktur einzugehen, wird doch deutlich, welche Erschütterungen unserer Weltsicht, unser Selbstbeschreibung und der davon abhängigen Handlungsmöglichkeiten mit der Frage nach den Auswirkungen eines Prozesses verbunden sind, den wir Globalisierung aller Lebensbereiche nennen.
Der Titel dieses Buches „Die Globalisierung der Intimität. Die Zukunft intimer Beziehungen im Zeitalter der Globalisierung“ verweist darauf, dass der Schwerpunkt unserer Überlegungen die Auswirkungen von Globalisierungsprozessen auf die intimen Beziehungen ist. Die Ausgangsüberlegung ist dabei die Annahme, dass gesellschaftliche Prozesse, insbesondere Veränderungen im wirtschaftlichen und technologischen Bereich in dieser Beschleunigung und Ausbreitung, wie sie unter dem Symbol der Globalisierung beschrieben werden, nicht ohne Auswirkungen auf die privaten Beziehungen der Menschen und ihr persönliches Erleben bleiben können. Intime Beziehungen werden dabei nicht als erotisch-sexuelle Beziehungsformen verstanden, sondern als Metapher für bedeutsame Beziehungen, die das Lebensgefühl der Menschen konstituieren und prägen. Die Auswirkungen auf die Familien, deren Formen und Inhalten, sind damit ein wesentlicher Schwerpunkt der Diskussionen. Auch wenn es keinen schlüssigen Beweis einer linearen Abhängigkeit zwischen Globalisierungseffekten und Veränderungen der Beziehungsformen oder des generativen Verhaltens geben kann, so sind doch die Koinzidenzien allgemein bekannt. Individualisierung, Mobilisierung, Optionalisierung sind Stichworte in dieser Diskussion. Dabei geht es offensichtlich um Bindungsformen ohne gemeinsamen sozialen Nahraum, eine starke Ausrichtung auf die Steigerung des eigenen Marktwertes, und eine Ausweitung der Wahlmöglichkeiten durch Loslösung von traditionellen Strukturen. Dies sind aber lediglich die äußerlich sichtbaren und statistisch belegbaren Veränderungen der intimen Beziehungen. Aus sozialpsychologischer Sicht ist die Frage nach den Veränderungen der inneren Strukturen und nach dem Wertewandel als Grundlage von Individualität und sozial bedeutsamen Beziehungen allerdings wichtiger. Dass diese Fragestellung und damit die These vom direkten Zusammenhang zwischen Wirtschaftsordnung und Persönlichkeitsentwicklung keine Modediskussion ist, zeigt unter anderem das Werk von Erich Fromm, der am zentralen Begriff der Entfremdung sein Konzept der Marketing-Orientierung schon in den 50er Jahren des soeben vergangenen Jahrhunderts erarbeitete. Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, Unverbindlichkeit und Gleichgültigkeit, Freiheit als Bindungslosigkeit, Mobilität werden als Folgen und zugleich Voraussetzung einer erfolgreichen Teilnahme am modernen Leben geschildert. Zusammenfassend lässt sich nach Erich Fromm dieser Aspekt der Qualität von Beziehung unter den Bedingungen der globalisierten Wirtschaft darstellen: „Da der Marketing-Charakter weder zu sich selbst noch zu anderen eine tiefe Bindung hat, geht ihm nichts wirklich nahe, nicht, weil es so egoistisch ist, sondern weil seine Beziehung zu anderen und zu sich selbst so dünn ist. Das mag auch erklären, warum sich diese Menschen keine Sorgen über die Gefahren nuklearer und ökologischer Katastrophen machen ... Ihre Gleichgültigkeit ... ist eine Folge des Verlustes an emotionalen Bindungen, selbst jenen gegenüber, die ihnen am nächsten stehen. In Wirklichkeit steht dem Marketing-Charakter nichts nahe, nicht einmal er selbst.“ ( Erich Fromm) In seinem Aufsatz „Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik“ ( 1968) beschreibt Erich Fromm zwei grundlegende Prinzipien, deren Gültigkeit heute noch evidenter ist als vor 33 Jahren. „Das technologische System wird von zwei Prinzipien programmiert, welche die Arbeit und das Denken aller daran Beteiligten steuert. Das erste Prinzip ist die Maxime, dass etwas getan werden soll, weil es technisch möglich ist ... Wenn man sich erst einmal zu dem Prinzip bekennt ..., werden alle anderen Werte entthront und die technische Entwicklung allein wird zur Grundlage der Ethik. Das zweite Prinzip ist das Prinzip der maximalen Effizienz und der maximalen Produktion.“ ( Erich Fromm 1968) Nimmt man die Entwicklung der Informationstechnologie mit ihren Grundsätzen und Leittendenzen wie Virtualisierung – von der Betonung der Materialität hin zur Potenzialität – oder Beschleunigung und der damit verbundenen Aufhebung von Gebundenheit von Raum und Zeit hinzu, so wird eine grobe, in der Verdichtung aber wohl zutreffende Kennzeichnung der gegenwärtigen Lage beschrieben.
Die Arbeitskonferenz zum Thema „Die Zukunft intimer Beziehungen im Zeitalter der Globalisierung“, im Mai 2000 von den Herausgebern an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg ( ehemals Fachhochschule) organisiert, war geprägt von einer unbewussten, später reflektierten Wellenbewegung. Auf Aussagen voller Optimismus und Hoffnung auf die schöne neue Welt, die die Globalisierung und deren technologische Grundlage für alle Lebensbereiche und eben auch für die Erweiterung und Nutzbarmachung im Bereich der intimen Beziehungen verspricht, folgten Aussagen und Betrachtungen voll Pessimismus und Skepsis gegen die Begeisterung für die Technik und deren bedenkenlose Nutzung. Eine Einigung, ob die Vermehrung des Möglichen mehr Nutzen oder Schaden bringen wird, wurde nicht erreicht, aber auch nicht angestrebt.
In einem Aufsatz von Marc Jongen in der ZEIT vom 9.8.2001 mit dem Titel „Der Mensch ist sein eigenes Experiment“ findet sich der Hinweis auf die Arbeit von G. Günther zum Thema „Maschine, Seele und Weltgeschichte“. Hier wird die Entstehung eines neuen Menschentyps konstatiert, „dessen Mentalität sich in wesentlicher Hinsicht von der des alten, sogenannten hochkulturellen Typs unterscheidet. Während der vom Christentum und Humanismus geformte Alteuropäer jeden technisch-maschinellen Zugriff auf seine Subjektivität mit Sorge und Widerwillen begegnet – Günther spricht von Reproduktion vormals subjektiver Leistungen durch den Computer, aber wir dürfen die Genmanipulation demselben Phänomenkomplex zurechnen – kann dem neuen Menschentyp dieselbe technische Innovation gar nicht schnell genug gehen. Günther weiter: „Die seelische Reaktion des ersten, konservativen Typs zeigt an, dass es sich um seelisch ausgebrannte Geschichtsträger handelt, deren eigentliche historische Existenz hinter ihnen liegt und die seit Ankunft der Maschine keine Zukunft mehr vor sich sehen. Die Ungeduld des anderen, wir wollen der Kürze halber sagen: des amerikanischen Typs – lässt vermuten, dass sich hier eine Geistigkeit zu äußern beginnt, die erst in der kommenden Ära des Menschen ihre volle Entfaltung erfahren wird.“
M. Jongen plädiert in diesem Aufsatz vehement dafür, das Paradigma des Sub-jekt-Seins zu verwerfen, das er als Unterworfensein gegenüber einem perfekten Ob-jekt-Sein – sei es als transzendental als Gott gedacht oder als eine gegebene objektive Menschlichkeit – interpretiert. An Stelle dieser Unordnung sollte ein selbstbewusster Mensch treten, der sich mit Hilfe der Technologie selbst entwirft und neu erschafft. Ob man diese Haltung als unverantwortliche Hybris sieht, und sich damit als „Alt-Mensch“ im Sinne Günthers bekennt, oder als Chance, hängt wohl davon ab, ob und wieweit man dem Verantwortungsgefühl des Menschen traut. Dass sich die konkreten Auswirkungen, wie immer die Wahl getroffen wird, für den einzelnen Menschen in seinen bedeutsamen, intimen Beziehungen widerspiegeln werden, lässt sich nicht bestreiten. Lat but not least möchten wir unseren Dank aussprechen, für die Unterstützung unseres Forschungsprojektes durch die Stiftungsfonds der Deutschen Bank, die Karl. H. Ditze-Stiftung und das Amt für Jugend Hamburg. Ohne diese Hilfen hätte das Forschungsprojekt nicht durchgeführt und dieses Buch nicht veröffentlicht werden können.
Hamburg im November 2001,
Wolfgang Hantel-Quitmann und Peter Kastner